Ringkampf
Aus Wikingerwerkstatt
Der Schritt in die Sporthalle macht mich zu einer anderen Person. Der Geruch von Schweiß und Matten steht abgestanden und alt in der Luft und gibt mir das Gefühl mich Messen zu müssen. Es gibt keine Klimaanlage und nur kleine Fenster für die verbrauchte Trainingsluft. Langsam gehe ich mit meiner Sporttasche zu meinem Spinnt, der ebenfalls in der Halle steht. Am Ende der Halle mit Bänken zwischen anderen Schränken ist die Umkleidekabine zu einer Nische hergemacht. Bei meinem Spinnt treffe ich Maor, einen kräftigen Schwergewichtler, der sich für mich kleines Fliegengewicht kaum umdreht, ich ihn aber dennoch grüße. Er steht nur mit einer Schlüpfer bekleidet vor seinen Sachen und reibt sich Salbe auf einige blaue Flecken an Beinen und Armen. Der Wettkampf vom Wochenende hatte ihm reichliche Blessuren eingebracht, die ihn viel mehr schmücken, als Mitleid zu erregen.
Selber habe ich vom Wettkampf einen verstauchten Ringfinger mitgenommen und klebe ihn mit dem Mittelfinger für das Training zusammen. Dann ziehe ich mich um und gehe zur Ringermatte, eine blaue 12 Mal 12 Meter Matte, auf der ein roter Kreis eine gelbe Kampffläche von sieben Meter Radius umgibt. In der Mitte ist eine weiße Kreislinie, an der sich die Kämpfer treffen.
Ich laufe ein paar Runden um die Kampffläche und mache Vorwärtsrollen. Der weiche Untergrund federt alles ab, macht das Laufen schwerer, aber jeden Sturz und jeden Wurf eher zu einem Spaß und mit der Übung und etwas Technik nutze ich die Fallenergie weiter aus, rolle ab oder ziehe den Gegner weiter, überwerfe mein Gewicht und schlage einen Haken.
Um den Ringkampf zu verstehen, muss ein Gedanke deutlich wahrgenommen werden, dass nämlich das Gleichgewicht der Kämpfenden nicht je in den beiden liegt, sondern zwischen ihnen. Die beiden Ringer stemmen sich gegeneinander und die Kraft verschiebt den eigenen Schwerpunkt aus ihnen heraus. Im Ringkampf ist darum das Wichtigste die Kontrolle mit Hebeln und Griffen über das Gewicht des Gegners zu haben und dabei dessen Bewegungsrichtung zu bestimmen oder zu händeln.
Das drängende Bestreben des Ringers wirkt sich im Schritt in den Gegner hinein aus. Die Sportler sprechen dann vom „in des Gegners Schwerpunkt treten".
Noch nicht gegeneinander gestemmt, stehen die Ringer in etwa wie folgt da. Die Arme nach vorn, die Hände offen und bereit etwas zu packen. Den Oberkörper leicht vorgebeugt, balanciert der Ringer sein Gewicht mit dem Hintern vor und zurück aus und die breit gestellten und etwas versetzten Beine machen ihn aus jeder Richtung unbeweglich, wenn er es nicht will.
Stehend hat der Ringer das Potential in alle Richtungen Kraft aufzubringen, denn Ziel des Kämpfers ist es, den Gegner vom eigenen Schwerpunkt fern zu halten. Dann erst kommen die Bewegungen, um mit Kraft, Schnelligkeit und oder Technik zum Gewicht des Gegners zu gelangen.
Meine Chancen gegen den großen Hünen, der sich immer noch anzieht, sind daher nicht schlecht. Meine Wendigkeit und meine Technik sind für ihn ein Problem, dem er mit Masse, Kraft und einer anderen für sein Gewicht guten Technik begegnet. Bekommt er mich richtig zu packen, wird es mir schlecht ergehen. Es kann also alles passieren.
Ich mache mich weiter auf der Matte warm. Ein paar Vorwärtsrollen in den Kampfkreis hinein und wieder raus. Zwei Flächen sind damit geschaffen, um sich zu fangen. Zur Erwärmung bietet sich für viele Ringer das Spiel Rollenfange an.
Das Spiel ist leicht erklärt. Bei der Rolle vor oder zurück darf nicht angeschlagen werden. Das klingt banal, macht aber den Reiz des Spieles aus. Für den Augenblick der Rolle ist der Gegenüber aus den Augen und vielleicht direkt hinter dir und macht ebenso eine Rolle in den Kreis hinein. Oder er steht draußen und will rein. Täuscht er also nur die Rolle an oder lockst du ihn, eine zu machen, damit du fliehend hinausrollen kannst? Oder ist er sogar so schnell, vor und zurück zu rollen und dich draußen zu kriegen. Wann hältst du die vorgetäuschte Rolle auf, wo fängst du dein Gewicht ab oder worauf stellst du dich ein, dein Gewicht nach der Rolle hin zu bewegen. Ständig also ist das Gleichgewicht überschlagen und muss wieder gefunden werden. Die Wendigkeit bekommt in diesem Spiel eine antreibende Bedeutung und steigert spielerisch die Möglichkeiten mit dem eigenen Gewicht in alle Richtungen reagieren, vorstoßen, streben, fliehen, ziehen und drücken zu können.
Es bleibt dem Ringer die Idee, den Gegner, ähnlich im Spiel, beim Kampf zu fangen und in den Schwerpunkt des Gegners zu treten, um ihn dann mit Technik zu binden und das Gleichgewicht der beiden Körper zu kontrollieren. Dann kommt das Ringen.
Mit festem Griff ans Handgelenk ziehe ich ihn, oder gebe ihm einen kräftigen Ruck, der ihn ins Wanken bringt. Das bewegte Gewicht ist leichter zu kontrollieren. So kann ich seine Gegenbewegung zum Ruck in einen Stoß umwandeln und mit schnellem Schritt seine Flucht aufnehmen und seinen Schwung rückwärts mit meinem Druck mehren. Blitzschnell senke ich den Oberkörper ab, schiebe meine Schulter vor und schnelle mit den Armen voraus in seinen Schwerpunkt. Umfasse seinen Bauch und klammere hinter seinem Rücken die Finger zusammen. Stehe mit dem vorderen Bein fest unter unserem Schwerpunkt, mache die Umklammerung zu einem Griff und hieve sein ganzes Gewicht für einen kurzen Impuls aufwärts. Er verliert Bodenkontakt und prompt ist das Gewicht in einen Vortrieb gedrängt, den ich anleite. Ich fixiere sein Gewicht von der Brust abwärts an meine Schulter und die Fallenergie mehre ich mit dem Antrieb vorwärts. Er strebt rückwärts, unser Gleichgewicht ist hinter ihm und er kann sich nur mit kräftig angespannten Bauchmuskeln an mir festhalten. Doch im Fall rücklings rutscht meine Schulter von seinem Bauch hoch, ich verliere selber den Halt meiner Füße und wir fliegen einen Moment; bis wir zu Boden driften.
Der Aufprall war hart. Ich hielt ihn noch immer im Griff und mein Ringfinger knickte um, das ganze Gewicht von uns beiden auf meinen Klammergriff hinter seinem Rücken. Viel brutaler war meine Schulter, die seine unterste Rippe brach. Mein träges Gewicht durchstieß sie förmlich. Er hatte keine Chance und fing an zu jammern, ließ aber nicht locker. Er krümmte sich und versuchte sich zu lösen.
Auf dem Boden stützte ich meinen Kopf neben ihn auf die Matte, stellte die Beine auf und stemmte mein ganzes Gewicht auf Kopf und Schultern, dann drückte ich es in seinen Bauch und schnürte mit aller Kraft den Griff enger und konnte ihn nicht aufhalten sich umzudrehen und auf dem Bauch zum Liegen zu kommen. 3 Punkte.
Mein Griff war noch immer geschlossen und meine Schulter nun in seinem Rücken. Wieder drückte ich, die Füße aufgestellt, all mein Gewicht durch die Schulter in seinen unteren Rücken, er wimmerte. Dann zerrte ich an ihm, links, rechts, täuschte an und nahm die Kraft aus meinem unteren Rücken und meinen Beinen zusammen, lupfte sein ganzes Gewicht an der Taille etwas hoch und schnürte mit einer eiligen Bewegung meinen Oberkörper noch fester an ihn, um ihn zu rollen. Den Kopf auf die Matte und in den Nacken gestemmt, wuchtete ich ihn von links neben mir über mich auf die andere Seite und er hatte sich ein Mal um meine Achse gedreht, um wieder auf dem Bauch rechts neben mir zu landen. 2 Punkt.
Ich ließ los und legte mich auf ihn, drückte ihn mit meinem Gewicht nieder und er wimmert noch heftiger. Bis er zur Aufgabe auf die Matte schlug und der Kampf abgebrochen wurde.
Ich gewann.
Meinen Finger verarztete ich mit einem Tape wie ich es jetzt trage für den Kampf in einer Stunde. Vorrunde.
