Religionsvakuum
Aus Wikingerwerkstatt
Was konnte ich mir mehr wünschen, als in der DDR groß zu werden?
1979 wurde ich in der beschaulichen Stadt Frankfurt (Oder) geboren und wuchs 10 Jahre in einem für Kinder funktionierenden Osten auf. Keine Sorgen, viel Unsinn im Kopf und jeden Tag Sport im Verein.
Mit der Wende änderte sich alles, die Menschen, das Essen, die Autos und zuletzt die Lehrer. Andere Schulbücher, andere Kleidung und andere Vereine. Sport in der DDR war kostenlos und nun verließ ich Vereine, weil ich nichts von meinen Eltern bekam. Im Politikunterrichte wurde Religion thematisiert und es fiel auf, dass es nur vereinzelt Gläubige unter uns gab. Im Lehrbuch sprach man sogar von einem Religionsvakuum in der DDR.
Pläne waren der Ersatz für die Bibel, Zirkelbesprechungen für das Wort und die Planerfüllung der Übergang in den nächsten Plan.
Als Kind waren Wettkämpfe meine Freizeitbeschäftigung und ich nahm an allem teil, was sich anbot. Es ging nicht um Ruhm, nicht unmittelbar um den Sieg, sondern für die Trainer um die Eignung.
Als Kind wünschte ich mir nur zu spielen. Der Sport, das tägliche Training gaben mir die Ausdauer Stunde um Stunde als Jungpionier hin und her zu rennen. Die Kenntnisse, die ich als Jungpionier erwarb, waren militärisch nützlich und als frühkindliche Erziehung spielerisch in der Gruppe organisiert. Die Kraft, die ich dadurch hatte, ließ mich jedoch auch nie ruhen, ich spielte oder ich streunte herum.
An einem wunderbar warmen Sonntag, ich war noch vor meinen Eltern aufgestanden und raus gegangen, ging ich zu meiner Festung. In unmittelbarer Nähe unseres Plattenbaus lag ein kleiner Hügel, hinter dem die Stadt endete. Es standen dort offene Baracken herum, die keiner betreten durfte, aber ich hatte es mir dort gut eingerichtet. Ich kletterte aufs Dach meiner Festung und sah mich in der frischen Morgenluft um, es war kein Feind zu sehen. Ich nahm mir meine Schleuder und setzte mich auf den Dachrand Richtung Bäume, um Vögel zu beschießen. Sie sangen zwar schön aber wild durcheinander, der eine übertönte den anderen und ich, ich schoss auf alles was sich bewegte.
Es kam ein Freund, der mich mit einer Herausforderung ablenkte, ob ich denn einen Stein von einem Dach aufs andere werfen könnte und ich konnte, ich konnte sogar weiter werfen, als bis auf die gegenüberliegende Garage. Wir kletterten auf das Dach der einen Garage, dort lagen schon viele Steine herum und wir warfen sie hinüber, bis ich einen besonders großen nahm. Ich warf und es schepperte plötzlich laut. Wir machten, dass wir davon kamen, doch zu spät. Ein Mann stampfte auf uns zu und schimpfte mit uns. Eine Autoscheibe war zu Bruch gegangen. Das Auto hatte hinter der Garage gestanden. Ich musste meine Adresse angeben und dann verschwand ich schnell.
Daheim traf ich meine schlecht gelaunten Eltern wach. Sie hatten beide quälenden Kopfschmerzen vom feucht fröhlichen Vorabend. Als die Tür ins Schloss fiel, brüllte mein Vater und ich erschrak, worauf meine Mutter noch schlimmer brüllte und ihm drohte. Es klatschte laut und meine Mutter begann zu weinen. Sie schrie ein weiteres Mal und kam dabei in den Flur zur Eingangstür. Ich stand noch da und hatte Angst. Sie nahm sich ihre Jacke und mich am Arm. Das fügte sich für mich, denn der Mann hatte gedroht zu mir nach Hause zu kommen.
Meine Mutter hielt es aber nicht lange aus und fuhr nach zwei Stunden Autofahrt wieder Heim, wo es für mich erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel gab. Ich durfte mir mein Fahrrad abschreiben, das mir versprochen war und hatte Hausarrest. Einen solchen Sonntag hätte er noch nicht erlebt, er habe den Rat bekommen, mich lieber am Sonntag einzusperren, dann könne ich keinen Unfug machen. Ich bekam diese Strafe und dazu noch ein Verbot von Fernsehen und Freunden. Ich war also allein und durfte mich mit mir beschäftigen.
Niemand erzog mich in dieser Zeit, ich war allein. Gott, ich danke Dir dafür, doch den gab es nicht. Ich schuf mir hingegen eine andere Person, einen Gesprächspartner. Nicht imaginär, einfach eine Verbalisierung meines Denkens. Ich spreche es laut aus und widerspreche oder rede mit mir. Es kann ein moralisches Widerwort sein, die Vernunft, besseres Wissen, Zustimmung, alles Mögliche und dennoch nur eine Stimme ohne Recht. Mit ihr mache ich mein Leben aus. Mit ihr spreche ich, wenn ich Angst vor dem morgigen Tag habe, ich Geld auftreiben will oder einen Job finden. Dann spüre ich die Einsamkeit, die Leere in dieser Illusion. Diese Stimme bin schlicht ich, ich allein und nichts anderes. Ich lernte früher keine höhere Instanz als meine Person kennen, keinen Geist, vor dem ich letztlich bestehen musste oder der mir half. Kein Glaube an einen Gott versetzte mich in die Lage des Gelingens. Wie schwer auch Prüfungen für die Gläubigen sind, ich sah meine Lebenswelt nie als Reich Gottes.
Heute bin ich skeptisch geworden. Die letzten Tage zeigten mir eine Welt in den Nachrichten, die von Gott nur so gehetzt wird. Wer schwört nicht alles auf dessen Worte und wer glaubt diesen Predigern, den Propheten und Politikern. Ich lebe in einem Land, das zur Hälfte durch Christdemokraten und „Christsozialisten“ repräsentiert wird. Meine Genossen, Deutsche, werden im Ausland als Verbrecher bezeichnet und die Täter machen mich durch Gott verantwortlich für Ihre Handlungen. Was bin ich? Deutscher?
Ich bin beharrlich und ich genieße. Ich verlasse mich auf den gesunden Menschenverstand. Und auf mein Gefühl. Ich bin mit beidem zufrieden. Jetzt, wo ich älter geworden bin, habe ich noch einen dritten Helfer. Das ist meine Erfahrung. Jede meiner Handlungen verantworte ich für mich und vor mir selbst. Darauf beschränke ich mich und bin zuversichtlich keine Fehler zu machen.
Nun, ich bin ein BRD-Bürger geworden und alles ist so rosig bzw. bunt, doch bis heute kann ich es spüren, dass ich ein DDR-Ex-Kind bin. Mit meinem Tatendrang in meiner Jugend, und dem Wissen über mich, kann ich sagen, hätte ich ohne die Wende ein politisch schweres Leben in der DDR gehabt, doch mein Glück schuf mir dieses strenge System mit 10 Jahren vom Hals.
Aber eigentlich war mit der Wende plötzlich alles leer. Die Ämter, die Werkstätten und die Vereine. Niemand kümmerte sich mehr.
Diese Leere wurde durch nichts aufgefüllt! Keine Integration fand statt, ich bin, ich war doch Deutscher. Dieses System jetzt ist nicht meins, ich glaube weder an Gott, noch an die Politik. Die Welt geht zum Teufel und ich nehme mir das Recht, mich um meine Angelegenheiten selbst zu kümmern. Leben und leben lassen.
Jedoch scheint es mir auch, als könnte menschliches Mitgefühl, ohne gesellschaftliche Verpflichtungen, unserer Gemeinschaft nützlich sein. Denn wenn die Menschen von Kindesbeinen an lernen würden, für ihre Mitmenschen Interesse zu zeigen, würde die Welt bestimmt besser aussehen.
