Odyssee als Zeuge
Aus Wikingerwerkstatt
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Odyssee als Zeuge
von Eve Mcfar
[Bearbeiten] Verlassen der Wohnung
Meine Finger wollten ihre nicht loslassen oder war es nur der Honig vom Frühstück? Spielt keine Rolle, denn ich ließ nicht los, ich wollte nicht. Kleine Küsse von ihren weichen Lippen auf meine flüchtenden Finger waren es, die mich hielten. Ich musste! Ihre Liebkosungen beruhigten sich unter meinen Küssen auf ihr Haar und nutzte den Augenblick ihrer bezirzten Unaufmerksamkeit, mich aus der Tür zu stehlen. Nicht jeden Tag muss ich sie und mich so überlisten. Oft gehe ich allein aus dem Haus und Theresa ist auf Reisen. Hinaus in die weite Welt sie und ich auf die Straßen von Berlin. Hmm, die Sonne, genauso schön und so blendend wie sie.
[Bearbeiten] Krankenwagen
In diesem Moment kommt auch schon ein Krankenwagen um die Ecke und die Sirene wirft mich beinahe um, ich muss mir die Ohren zuhalten und schicke ich ihm einen Wunsch hinterher, denn hoffentlich wird sie oder er gesund. Noch einmal umschauen und dann in dieselbe Richtung weiter, dem Krankenwagen nach und gehe die Straße hinunter. Nach ein paar Schritten ziehe ich die Kapuze über den Kopf, stecke die Hände in die Hosentaschen und falle nicht mehr auf. So sehe ich auch nicht mehr in ihre Gesichter, will sie nicht sehen und nur Ihr Gesicht behalten. Ihr Geruch hängt noch in meiner Nase und lässt sie mich jetzt schon vermissen.
[Bearbeiten] zerberstende Flasche und rhetorischer Mord
Der Durst verdrängt den ersten Anlauf der Sehnsucht und treibt mich in ein Geschäft. Ich setzte die Kapuze nicht ab und verziehe mich gleich zu den Kühlregalen. Mein Weg führt mich an Gewürzen und türkischen Spezialitäten vorbei und an einem recht dunklen Ein- oder Ausgang. Vergessen und einfach weiter. Als ich das Kühlregal öffne, ertönt hinter mir ein lauter Knall und ich zucke zusammen, ein Glas ist auf dem Boden zersprungen. Prompt setzt ein kreischendes Gezeter ein. Eine Frau mit dunklem Haar stürmt mit nach oben gestreckten Armen und einem wilden Gesicht auf den Übeltäter zu und beschimpft ihn mit mir unverständlichen Worten. Neugierig verstecke ich mich hinter dem nächsten Regal und spähe über die obersten Dosen. Beobachten! Der Übeltäter, ein Mann, versteht sie scheinbar auch nicht, weist mit Gesten jede Schuld von sich und wiegelt ab. Doch sie lässt nicht locker und packt ihn sogar. Das reicht dem Mann und er fährt sie laut an, redet plötzlich mit kraftvoller Stimme auf sie ein, redet sie klein, sein Finger ist auf sie gerichtet wie ein Messer und sie scheint mit jedem Wort zu schrumpfen, sie schweigt dem Tode gleich. Und sein drohender Ton wird immer grollender. Sein Finger fängt an zu zucken und er macht regelrecht Schnitte in der Luft, die sie von oben nach unten aufschlitzen und sie blutet innen aus. Leichenbleich lässt sie ihn davonkommen. Er mustert sie ein letztes Mal und kehrt ihr gleichgültig den Rücken, um den Laden zu verlassen. Sie war nicht mehr zu sehen, vielleicht hinter dem Regal verschwunden. Langsam kroch ich aus meinem Versteck hervor und sah mich erst um, bevor ich mir eine Cola nahm. Vorsichtig schlich ich den gegangenen Weg zurück und stellte die Dose geräuschvoll auf den Kassentresen. Aus dem Nichts kam vom anderen Ende ein Mann auf mich zu und sagte nach einem kurzen Blick auf die Cola, was ich dann bezahlte. Mit dem Öffnen der Cola trat ich aus dem Geschäft und ließ jeden Gedanken zurück. Die Cola vitalisierte. Neuer Drang schickte mich an die Straße weiter hinunter zu gehen und endlich ins Café zu kommen, der Freund würde warten.
[Bearbeiten] Flug vom Dachstuhl
Einige hundert Meter weiter stand der Krankenwagen quer auf der Straße und ließ immer wieder rotes Licht in meine Augen fallen. Vielleicht erschien mir auch deshalb der Dachstuhl rot, auf dem ein Mann am Wetterhahn stand und ängstlich gestikuliert. Der Wind richtet sein Gleichgewicht aus dem Lot und so wirkte es, als würde er tanzen, aber ohne den nötigen ernst. Er sollte es lassen die gaffenden Menschen aufzuhalten, hindert er sie doch an ihrem normalen Leben, wollen sie doch wegen ihm lieber ihn sehen. Die Straße ist wegen ihm gesperrt, der Bürgersteig dazu von der Feuerwehr und vor mir tut sich die Menschenansammlung auf. Sie sehen mich nicht und prägen sich das rote Dreieck ein, ich muss zwischen ihnen hindurch. Ich wünsche ihm Flügel, damit sie aus Neid gaffen und nicht wegen seines Sturzes, der einen kurzen Atem der Menge fordert. Alle sogen die Luft bei seinem Satz ein und zuckten zusammen, als sie seinen Aufschlag vermuteten. Ich versuchte es zu ignorieren und ging einfach weiter. Doch da sah ich ihn, wie er am Firmament einen langen Bogen zog. Seine Flügel waren blau grau und sehr satt und scharf gezeichnet. In seinem Gesicht konnte ich das Glück von tausend Tagen erkennen und eine Zuversicht, die ich mir auch wünschte.
[Bearbeiten] Penner
Kaum aber verlasse ich den Auflauf der Menschen, tauchen jene auf, die glauben dort bespendet zu werden und sich in die Schale des Leides hüllen. Ein Penner unbeschreiblicher Realität. Sein Gesicht in betrunkener Röte, Narben und ein ungepflegter Bart. Die Kleidung hingehunzt und modrig. Sein Gestank aber letztlich beißt in meiner Nase und überredet mich, ihm Geld zu geben und den Ort schnellst möglich zu verlassen, regelrecht zu fliehen, ich will weg.
[Bearbeiten] Mord in der S-Bahn
Der Eingang der S-Bahnhalle fängt mich auf und gibt mir wieder Halt. Vibrationen aus dem Boden verraten mir, dass die Bahn kommt und ich renne die Treppen hinauf, weiche einigen entgegen kommenden Menschen aus und springe in die wartende S-Bahn. Die Kapuze schützt noch immer und ich kann mich in der S-Bahn so weit in der Ecke verstecken, dass der Waggon leer erscheint, denn niemand außer mir ist in ihm. Was bleibt? Der Zug fährt an. An der nächsten Station lässt er drei Menschen in diesen Teil des Untergangs. Kein Ton von mir, sie ahnen mich nicht einmal und so eskaliert es, sie schlagen ihn zusammen und durch den winzigen Spalt meiner verkrampften Augenlider erquäle ich mir gegen die Furcht die Neugierde. Sie zeigt mir, wie zwei gegen einen prügeln. Röchelnd auf dem Boden spuckt das Opfer einem Täter Blut auf die Schuhe und die Wut wird weiß. Nur die Schritte waren zu hören als sie in den Waggon traten. Mit ihnen schwang Böses und machte sich um mich breit, füllte die Luft und meine Lungen. Mein Atem wollte stehen bleiben und die Augen lahm machen. Die Stimmen füllten den Waggon mehr als die Menschenmassen zur Stoßzeit. Kaum Platz für mich, kaum Luft. Etwas wuchs in mir, erst kleine und dann große Furcht. ‚Bitte lass sie mich nicht sehen!‘ Ich hoffte es erfolgreich. Eine Blutlache breitete sich unter dem Mann aus, der Zug hält an und zum Glück nicht meine Station, die beiden Kerle steigen aus. Ich blieb verschont und so erhob ich mich unter dem Vorwand der Neugierde das Messer in seiner Brust zu schauen und den rot überströmten Griff zu entfernen, jedoch ich ließ es bleiben. Ich floh erst eine Station später aus der Tür und hoffte auf keine aufmerksamen Augen. Ich baute auf meine Unsichtbarkeit. Wieder die Flucht. Eigentlich hatte ich mich unter der Kapuze versteckt und die Augen eng geschlossen, aber aus dem Zwischenraum von 2 Gitterstäben eines Treppengeländers schauten mich große runde Augen eines Mädchens an. Sie strahlten in die Dunkelheit meines Gesichtes und irgendwas zog meine Kapuze zurück, ich erschien im Licht. Das kleine Mädchen folgte mir hinter dem Geländer und zog ihre Hand von Stange zu Stange und jedes Mal gab es einen kleinen weichen Ton, wenn sie wieder eine Stange traf. Meine Schritte, große Schritte trieben mich fort und sie blieb am Ende des Geländers stehen. Noch immer gebannt von ihren Augen drehte sich mein Kopf wider meine Richtung und sie streckte ihre Zunge raus, wieder rein und grinste frech, ich war entzückt. Was ich ihm wohl erzählen kann?
[Bearbeiten] Blumentopf vom Balkon
Unerzählt bleibt der Blumentopf, der hinter mir aufschlug, kaum dass ich unter den ersten Balkonen entlang ging. Ich erschrak und rannte schnell voran. Die Sicherheit soll mich fangen.
[Bearbeiten] Im Café
Das Café und er. Seine Arme nahmen mich auf und flößten mir Vertrauen ein, seine Anwesenheit gab mir wieder Halt und so vergaß ich, was mich auf dem Weg begleitet haben mag. „Wie geht es Dir?“ hing in der Luft und wir setzten uns, ich wollte erst nicht antworten, doch dann nickte ich und gab ein gedrücktes „Gut“ von mir, ich dachte, er glaubt es mir und so war ich zufrieden. Sicher nahm er meine Zufriedenheit wahr, die ich aus allen Poren ausstrahlen musste, denn Lucinda machte mich glücklich. Und so fragt er nicht weiter nach. Eine Kellnerein trat an den Tisch und wollte von uns wissen, was wir denn wünschten, doch ich sprach meine Wünsche lieber nicht aus, weil ich ahnte, sie hatte nicht danach gefragt. „Zwei Kaffee bitte“, half er mir aus meinem Schweigen und sie verschwand wieder. „Du hast Dich kein bisschen verändert.“, bedrängt er mich und ich finde es gut, mich so zu sehen. „Mag wohl sein.“ Und schon verlor er wieder meine Aufmerksamkeit, ich sah weg von ihm und das Schweigen schien ihn nicht zu stören, denn er riss mich nicht aus dem Anblick. Nebenan saß eine Frau, die ihre Schuhe ausgezogen hatte. Sie rührte in einer Tasse vor sich auf dem Tisch, zwischen Daumen und Zeigefinger baumelte der Löffel. Sie hatte die Füße auf einen Stuhl gelegt und wippte nervös mit den Füßen. Während der Unterhaltung mit ihrem Gegenüber musste sie immer wieder die Beine einziehen für Gäste und streckte sie dann wieder aus. Er schmeichelte ihr und sie lächelte zurück. Plötzlich fiel ihr etwas herunter und sie schreckten beide auf, um es unter dem Tisch zu suchen. Sie berührten sich kurz mit den Fingern und es kommt zu dem, weshalb das alles passierte. Sie bleiben unter dem Tisch und kommen nicht wieder hervor. Die Tasche der Frau und die Schuhe werden noch mit einem schnellen Griff nachgezogen, doch dann sind sie fort.
[Bearbeiten] Spaziergang
Kaum hatte mein Freund, der nichts davon mitbekam, den Kaffee ausgetrunken, verlangte er auch schon die Rechnung und bezahlte für uns beide. Ganz langsam stand ich auf und ließ mir nicht anmerken, dass es mir peinlich war eingeladen zu sein. Wir verließen das Café. Zusammen machen wir Schritt um Schritt wieder aufeinander zu. Altes Vertrauen wächst und breitet sich in meinen Gliedern aus. „Sie ist fort.“ Die Worte klingen schwer und sie bleiben auf dem Weg liegen. Johann will sich entschuldigen und fängt an, sich zu winden. „Weißt Du noch? Als wir uns als dumme Jungen beweisen wollten, wie viel Mut wir doch haben? Wie wir über diesen kleinen Bach schwingen wollten?“ und sein Freund grinst, liegt es doch so lange zurück. „Wir haben dieses viel zu dünne Seil an einen viel zu dünnen Ast gebunden und ich sollte anfangen. Tja, da war der Mut noch Dummheit, aber wenigstens da.“ „Warum ist sie fort?“, will ich wissen. Er windet sich und versucht ein anderes Thema zu finden, zu voreilig scheint er es gesagt zu haben. „Willst Du es mir sagen?“, hilft nur wenig. Schritt um Schritt, wieder eine Trennung, seine Hände suchen Deckung in seinen Taschen und seine Augen versuchen nichts zu sehen, ich fühle mich unwohl. „Eigentlich schon, aber Du wirst mich kaum ernst nehmen.“ „Wieso?“ „Ich verhalte mich nicht, wie es sich gehört.“, er bleibt stehen und hat die Hände vor sich genommen, flehend steht er da, schaut sie an und sagt nichts, ein Schluchzen kommt auf und ich halte die Luft an. Sein Leid steigt in mir hoch, was kann denn nur sein? „Sie wurde überfahren.“, klingt es erstickt. Meine Knie halten mich nicht mehr und ich sacke auf den Boden, halte mich geradeso aufrecht und atme noch immer nicht. Kein Geräusch der Welt zu vernehmen, ich bin woanders und sperre mich aus. Seine Reaktion kenne ich nicht, ich bin erst noch am wach werden und finde mich auf einer Bank. Ganz langsam verschwimmt der Film auf meinen Augen und ich erkenne sein ängstliches Gesicht, wie er auf mich hofft. „Sei doch nicht so störrisch.“, dringt zu mir durch und weckt mich auf. „Sei nicht so dumm, ich wollte Dich doch nicht auch noch von mir fort haben.“ „Du weinst nicht um sie.“, hält ihn an. „Weißt Du warum?“, frage ich, als er sich davon erholt hatte. Ich habe meinen Arm um ihn gelegt und mich auf der Bank direkt neben ihn gesetzt. Nicht ein Funken Kraft steckt in ihm, seine Augenlieder öffnen sich sonst fröhlich und gerade nur zur Hälfte, selbst sie verloren eben all ihren Elan.
[Bearbeiten] Links
Informationen zum Text
Autor
Buchidee
Das moderne Buch
