Neukölln
Aus Wikingerwerkstatt
Ich wohne in einer Gegend ohne jedes Schamgefühl. Die Frage nach einer Gesellschaft und ihrer schwachen Elemente stellt sich in Neukölln nicht mehr, sie ist dort patent beantwortet.
Mein Anliegen jetzt, ist es nicht politisch zu sein oder irgend wessen Augen zu öffnen, sondern zu erzählen. Welche Details euch auch immer ans Ohr gedrungen sind, sie verblassen gegen den Moment, dort zu sein, wenn es wirklich gesehen und erlebt wird. Denn es spielen bei der Begegnung die alltäglichen Faktoren eine immens wichtige Rolle, um dir den Magen um zu drehen.
Wohin gehe ich gerade oder woher komme ich, worüber ärgere oder freue ich mich, wenn ein Hund vor meinen Augen geschlagen wird, mit einem langen Stock und der Halter so groß und kräftig ist, dass er es ebenso mit mir machen könnte.
Unwichtig im Vergleich, wenn dahinter ein Kinderspielplatz ist, auf dem nicht Kinder toben, sondern kleine jungendliche Aggressoren sich mit Kraftausdrücken das Leben bedrohen, Messer zücken und sich zwar spielerisch, dennoch bedrohlich über den Sand hetzen und so ausfallend schimpfen, dass es ihre Väter im Suff stolz machen würde.
Diese Väter sitzen nicht unweit von ihnen in einer der vielen Kneipen, die Schnäpse für 90 Cent ausschenken und immer fröhlich sind, die Raucher zulassen, aber niemanden unter 18 Jahren, so heißt es zumindest auf den Schildern im Schaufenster.
Völlig betrunken waten sie spät in der Nacht oder erst im Morgengrauen heimwärts, stolpern und schlagen sich auf dem Kopfsteinpflaster die Gesichter blutig, landen in der eigenen Scheiße, die sie in Hauseingänge und an Fassaden drücken. Liegen pissend da und haben es den einen Moment lang warm, lang genug, um ein zu schlafen.
Auf dem Schulweg finden die Kinder solchen Anblick irgendwann komisch und erschrecken nicht mehr, sie stochern mit Stöcken oder rütteln mit Füßen, bis Mensch knurrt. Dann rennen sie schnell weg, bis sie alt genug sind und die Schnapsleichen klamm heimlich beklauen.
Wäre das selten, könnte ich nicht davon erzählen, ich gehe nicht viel auf die Straße, es stinkt in jede Richtung anders. Früher, als mit den Flugzeugen Kerosingeruch durch die Straßen wehte, ging der Gestank noch unter, doch jetzt bilden die Hunde den euphaktorische Grundton. Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben, trifft es genau.
Gewöhnung hilft nichts. Wegschauen geht nicht. Ignorieren unnütz. Kaum biege ich um eine Ecke, stinkt es anders, herber, kräftiger, ekliger, frischer Durchfall. Ich krich diss Kotzen. Und dabei wollte ich doch nur in die grüne Hasenheide.
Aber. Die Hasenheide. (lachen)
Nähme ich zu einem Zeitpunkt des Tages ein Standbild dieses Parks und zählte alle Anwesenden, Fahrradfahrer, Sonnenbader, Spaziergänger, Herrchen und Frauchen, Eltern und Kinder zusammen, so stellte diese Gruppe von harmlosen und normalen Menschen ein zahlenmäßig ebenbürtiges Gegengewicht zu all den Junkies und Dealern in diesem grünen Raum. Sie tzirpen oder pfeifen dich an, nicken mit den Köpfen, rauchen dicke Tüten und zeigen, dass sie taff sind. Mir wird schon wieder schlecht.
Neukölln.
An dieser Stelle möchte ich Rolf Dieter Brinkmann zitieren mit seinem Gedicht Rollentreppen im August. Es fängt an mit einer Beschreibung.
„
So ist es, so leben sie in Neukölln und setzen dem ganzen Übel jeden Tag noch etwas drauf.
Jeden Tag fahre ich mit meinem Fahrrad zwischen 8 und 9 Uhr früh die Oberlandstrasse entlang und sehe an einem Getränkehandel die pünktlichen ersten Kunden den ersten Schnaps des Tages schlucken. Ich kann mir wohl erklären, wie sie dahin gekommen sind. Damals, als Angestellte, da gab es viel Geld für die Kneipe. Und nach durchzechten Nächten, in denen das bitter verdiente Geld nur so floss, kamen sie zu spät und verkatert zur Arbeit. Mit Restalkohol im Blut und im Atem. Ihr Chef ließ es schön bleiben, sie zu beschäftigen.
Die Unpünktlichkeit haben sie überwunden und aus der Not zum fehlenden Groschen für die Kneipe, tut es die Wiese vor dem Getränkehandel, da ist das Bier und der Schnaps eh billiger. Da lungern sie jetzt, pünktlich ab 8 und länger als bis 16 Uhr. Zu zweit oder viert öffnet sich unter breitem Grinsen aller Beteiligten der erste Wodka leichter und der nächste schneller. Sah nicht so das Bild eines Punks aus? Nein. Die aufgeblähten Bäuche und der ungepflegte Bart machen sie nur um so bemitleidenswerter. Notversorgt vom Staat für Wohnung und Leben. Ohne politische Neigung, ohne Willen zur Provokation, ohne Mut zur Restauration der auferlegten Ideale und noch weniger Empathie für den eigenen Leib.
Aufgedunsene Gesichter, gezeichnet vom Suff, ausgezehrte Leiber, von Mangelernährung, Kaffee- und Nikotinsucht. Frauen, die mit blauen und geschwollenen Augen als wieder lächelnde Opfer in der immer Selben Runde von Alkies stehen, die ihr das antun. „Es war das letzte Mal, ich schwörs!“ (höhnisches Lachen)
Was für eine Heuchelei, diese Floskel glauben zu wollen.
Ihre Trägheit ist unbändig.
In Neukölln fehlt es von institutioneller Seite nicht an Engagement oder sozialen Einrichtungen, die sind alle vorhanden. Auch wird die Straße sauber gehalten, jede Woche kommen zwei Stoßtrupps der BSR durch die Straßen und reinigen sie per Besen und Handgreifer. Hundescheißetrollies oder wie man diese Autos mit Kotsaugschlauch nennt, fahren wöchentliche Touren. Spermüll wird von der Straße weggeholt usw. Eigentlich ein streng auf status quo gehaltener Bereich der Stadt Berlin. Aber warum ist das nötig?
So wird diesen Pennern und Assies in Neukölln schön ihr Dreck weg geräumt und immer wieder wird ihnen präsentiert, dass sich ein Anderer um die Reinigung des Nestes kümmert, in dem sie unverwunden die Sau raus lassen können.
Ich weiß natürlich, warum es nötig ist. Um die Menschen dort raus zu holen, die nicht dort sein wollen, aber nicht anders können und sie dabei nicht im Dreck auf der Straße waten lassen.
Zum Beispiel Jugendliche, die an ihren Vorbildern kranken.
Oder Einwanderer, die hier ankommen und irgendwo in Dachböden schlafen und bei Leute duschen, die sie kennen, die hier durchkommen, weil sie hier nur schlafen und woanders arbeiten.
Oder Türken, die in ein deutsches Milieu wollen, aber nicht aus Neukölln raus.
Überall gibt es Galerien, Projekträume und Initiative von Bürgern. Unmengen Apotheken und Ärzte. Kindergärten und daneben Hilfebüros mit Sprachenunterricht für türkische Mütter. Es könnte ein
Ich bin gern in meiner Wohnung in einem großen Wohnblock, fernab der Scheiße auf der Straße. Die Dächer des Wohnblocks sind flach und begehbar. So ist es möglich, eine Runde an etlichen Hinterhöfen vorbei zu machen und an Dachgiebeln und -gauben zu sitzen, um zu beobachten und nicht dabei zu sein, sich zu fühlen, als stecke man nicht in dieser Scheiße, sondern schwebe über ihr.
Manchmal ist dort oben ein guter Fluchtpunkt, weil die eigenen vier Wände zu eng sind oder die Aussicht aus dem Fenster zum Kotzen oder die Kinder im Hof zu laut. In den engsten Hinterhöfen spielen immer noch Kinder!
Eine Freundin meinte mal, dass der Weg zu einem wirklich tollen Spielplatz nicht weit ist. Es müsste sich nur ein Erwachsener die Zeit nehmen, mit den Kindern den Weg zu machen, statt dessen, so glaubt sie, sitzen sie vor ihren Fernsehern, ihren Flaschen oder langweilen sich lieber. Ihr tun die Kinder leid, dass sie so wenig gefordert werden.
Trostlos ist es alle Mal, wenn die Kleinen statt auf einer Schaukel oder in Sand spielen können, sie um den eingezäunten Mülltonnenstellplatz in der Mitte des Hofs rennen oder sich jagen. Denn dabei hantieren sie mit Pistolen und brüllen oder schreien. Da sind sie spielerisch Feinde und beschimpfen sich lautstark.
Manchmal aber bereiten sie auch komische Szenen. Einmal stand da eine Plastikwanne als Abfall bei den Tonnen und sie wurde umfunktioniert zu einem Schlitten, der mit fester Schnur über den betonierten Boden des Hofes gezogen wurde und einer drin saß.
Natürlich streiten sie im Spaß, natürlich ist es ohrenbetäubend laut so eine Plastikwanne über den Beton zu ziehen und natürlich brüllt irgendwann einer aus dem Fenster die Spaßgesellschaft nieder. "Ruhe da draußen!"
Aber wirklich hilft es nicht. Dann machen sie eben anderen Lärm. Es sind Kinder. Kinder sind nun mal laut.
Oder Babys. Die können - die weinen ausgiebig. Das lässt sich mit Brüllen nicht stillen, es weint und weint und weint ...
Und wirklich helfen kann ich nicht, dann gehe ich im Zimmer auf und ab und höre das Baby plärren. Flucht auf Dachs. Es schreit und schreit immer noch.
Brüllen?
Die Eltern erreichen, sie aufwecken aus ihrem Suffkoma oder vom Sofa hoch jagen.
Oder sich selber sagen: man ist zu weich, das eigene Kind wird zu weich erzogen, wenn ich es nicht weinen lasse. Ich bin viel zu wehleidig und die Mütter machen die Kinder zu starken Menschen, wenn sie sie weinen lassen.
Wenn ich nur nicht gerade in Neukölln wäre.
- Brüllen -
Diese ganze Scheiße stinkt doch zum Himmel. Ein ganzes Gebiet erscheint mir nicht nur völlig verwahrlost, es gibt dort nichts, was mich irgendwie optimistisch stimmt.
- Brüllen -
Scheiße ist das, aber es ist so und ich gehe aufs Dach, etwas spazieren, frische Luft, weg vom eigenen Hinterhof, weit über ihren Köpfen, ein paar Bier dabei und Himmel.
Ich kiffe und saufe zu viel, ich bin schlau und deswegen arrogant. Mein Atem ist faulig und mein Magen flau. Das letzte Bier war fürchterlich. Also stelle ich mir vor, das morgen mein Luftschloss wieder steht. Diesen einen Ort, den ich mir imaginiere, an den gehe ich, an dem werde ich sein, oben auf dem Denkmal. Da wo die Sonne scheint, da bin ich nicht allein. Da geht es mir gut. Da habe ich den ganzen Scheiß dieser Hauptstadt unter mir und verdrängt.
Aber das ist in Kreuzberg, das ist der Viktoriapark und nicht Neukölln. Dort kostet das Bier 1,30 im Späti, und ebenso die langen Blättchen. Dort scheißen die Hunde Aspik und die Frauchen haben Kackeschaufeln aus Pappe und Papier, die umweltverträglich sind und in eine Biotonne gehören.
Dort ist der Ort, an dem man über Neukölln redet und nichts davon versteht.
