Kreatives
 

Drift

Aus Wikingerwerkstatt

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Drift

von Eve McFar

Louis

In geselliger Runde sitzen sie beisammen und reden von den letzten Auftritten und Veranstaltungen. Sie kreuzen die Gespräche, fragen etwas nach, erfreuen sich am Erfolg der einen und ernten Zuspruch bei ehernem Misserfolg.
Bis ein junger Schriftsteller ins Café kommt und allein nicht weiß wohin. All diese Größen an zwei Tischen verteilt, flößen ihm Angst ein und er verkriecht sich in eine Ecke der Bar, um einen Abgängigen des Tisches abzupassen. Scheu und immer mit verstohlenen Blicken zur Runde, bestellt er kleine Schnäpse und Espressi. Reibt sich nervös die schweißigen Hände an der Hose und hebt die Hand zum Kopf, streicht sich mit dem Zeige- und Mittelfinger die Kieferlinie ab, verschränkt die Arme und schließt dann ganz schnell und fest die Augen. Seine Kiefermuskeln blähen sich auf und der Kopf neigt sich vor.
Luft.
Dann, die Hände auf dem Tisch vor sich, an der leeren Espressotasse zupfend, setzt er sich auf dem Stuhl zurecht.

Seit der ersten Sekunde ist er Teil einer Geschichte, die er nicht schreibt, obwohl er ebenso Schriftsteller ist. Für ihn stellt das Schreiben nichts Privates mehr dar, seine Worte zeugen für ihn von einem Verständnis der Wirklichkeit, die abänderlich von Sekunde zu Sekunde ihm das Leben in Worten entgegen bringt. Den endgültigen Satz, den er begonnen hat, kennt er nicht. Er überschaut die Tragfähigkeit seiner Worte, die Tiefe oder Weite nicht, die in seinen Sätzen steckt, das Thema ist ihm fremd und doch hat er es angestoßen.
Nicht die Form oder der Gehalt machen die Literatur aus, sondern ihre wörtliche Entäußerung, die er gerade nicht antreiben kann, es aber tun will.
Er will die Worte, die ihm gerade in den Sinn kommen aufschreiben, sie formulieren und binden.
Hingegen die Herren in der Runde sich von ihm inspirieren lassen. Jeder auf seine andere Weise und allein in ihren Kämmerlein. Dann sind sie für sich, sind konzentriert bei der Sache und machen ihn zu einem perversen Statisten einer Gesellschaft/Geschichte, die sie kreieren.

Welch übermütiger Tor steht auf und gibt sich die pöbelige Freiheit, alle Welt in diesen Reigen einzuladen?
Ein charmanter Liedermacher, der sich die Gitarre nimmt und in Liedern aufruft etwas zu machen. Er singt dafür, das Hermetische der kreativen Arbeit zu entkrampfen.
Mit grober Stimme und schroffen Akkorden stimmt er an: „Sei ein bisschen wie ich.“, und der Junge öffnet erschrocken seine Augen, als ihm unterstellt wird, ein wenig Hitler zu sein. Es rumort in ihm gegen die Provokation von einem Sodomisten gefickt zu werden.
„Leck mich!“, ruft er laut aus und stört mit ausgestrecktem Mittelfinger die Stimmung gar nicht, belebt sie derart, dass Pfiffe und Unkenrufe die Fülle des Krawalls noch wachsen lassen.
Dem Hahn des Mists passt's grade recht in seine Ironie und er brüllt sie wüst an, die da Laut geben, sich mehr zu bemühen und dazu zu kommen.
Er ist das Mädchen, das am weitesten pisst.
Der Junge stampft empört schwer auf und rückt mit besoffener Motorik laut den Stuhl unter sich weg, steht derart polternd auf, dass ihm mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, als er unmittelbar verkraften kann. Verschreckt reißt er die Augen auf und hebt mit weit ausholenden Armen seine Hände vor den Mund. Dann wankt er rückwärts, den Stuhl umstürzend, auf eine Ecke im Raum zu, stößt dort an und schmiegt sich, die Hände an die beiden Eckwände gepresst, um den rettenden Vorsprung herum. Den Kopf im Nacken, die Ecke rundend und die Augen zur Decke, schwindet er den Blicken der Runde, bis nur noch die Finger zu sehen sind.
Stille. In der ganzen Bar.
Vorsichtig linst der junge Schriftsteller um die Ecke. Von allen entdeckt, fallen sie gemeinsam in ein Gelächter über den Jungen. Seine Ohren sind betäubt. Denn plötzlich fangen alle samt an zu singen, stoßen feucht fröhlich die Gläser und Flaschen und reden mit einem Mal wild durcheinander. Keiner versteht den anderen, nicht nur die Runde der Künstler tut dies, sondern alle. Jeder im Raum redet, guckt mal diesen und mal jenen zu seinen Worten an. Der Junge versteht nur seine Gedanken, die er fixiert.
'Einen von ihnen abpassen, wenn er den Tisch verlässt.'

Anton 

("Welch übermütiger Tor steht auf und gibt sich die pöbelige Freiheit, alle Welt in den Reigen einzuladen?") Eine Stunde später haut der Junge Anton in die Fresse. Die Lippe platzt auf und mit dem zweiten Hieb schlägt er ihm die Nase blutig. Der Mann geht zu Boden und der junge Schriftsteller springt auf ihn. Die Umstehenden sind geschockt und doch vom Anblick eingenommen.
Die kraftvollen Hiebe des Jungen auf den Körper des Mannes, bereiten den Zuschauern eine Vorstellung von Wut und Überlegenheit, bis der Junge sich abreagiert hat und vom Opfer ablässt. Die fragenden Augen sticht er mit drohenden Blicken, zupft sich seine Kleidung zurecht und bleibt stehen. Nichts kann er sagen.
Der Kellner kommt und hilft dem Opfer auf die Beine, gibt ihm ein paar Taschentücher für die blutende Nase und wischt das restliche Blut vom Boden.
Mit einem kräftigen Händedruck stellt sich Anton dem jungen Schriftsteller vor: "Anton mein Name. Begleite mich zu einem Arzt!"
Er tritt vor das Café und der Junge folgt ihm verstört. Schüchtern steht er hinter ihm, als der ein Taxi ruft und setzt sich schweigend auf die Rückbank, während Anton vorn Platz nimmt und gleich ein Gespräch mit dem Fahrer anfängt, der sich reichlich beeilt.
Das Wartezimmer quillt über von Patienten, die Husten, wimmern oder schweigend leiden. Die Stimme Antons hingegen überwölbt diese Kulisse. Seine Augen streunen über die sprechenden Münder. Er sucht weiter und sein Blick verharrt bei einer Prostituierten.
Ein gekonnter Flirt mutet so viel sagend schüchtern an, das die eigene Situation vergessen und ein schmeichelndes Lächeln provoziert wird.
Der junge Schriftsteller beobachtet die beiden, wie sie reden und langsam näher rücken. 'Welch zarte Annäherung sie beherrscht, weder frivol, noch verschlossen, zurückhaltend vorwärts gewandt, den ersten Berührungen entgegen.' Bis sie aufgerufen wird und Anton geschwind verlässt.
Ohne sich um zu drehen, sondern mit einem vereinnahmenden Lächeln eilt sie dem Doktor entgegen. Sie sucht mit ein paar schnellen Schritten seine direkte Nähe, dass er sie um die Schulter führend ins Behandlungszimmer geleitet. Mit sorgend gesenktem Kopf schiebt er sie, beide Hände auf ihren Schultern, hinein, plötzlich schnellen seine Augen herum, sie treffen Antons Blick und sein linker Mundwinkel zuckt aufwärts, bevor sein Gesicht hinter dem Türrahmen verschwindet.
„Sie war wirklich schön.“
Der junge Schriftsteller setzt sich neben ihn und schaut ihn mit offenem Mund an. Endlich bemerkt er, wie betrunken er ist.
„Du solltest deine Hände untersuchen lassen.“, gibt Anton distanziert von sich, wischt sich neuerlich fließendes Blut von der Nase und wird mit dem Kopf im Nacken still. Aufrecht sitzend spürt er die schmerzenden Stellen an Rippen, Rücken und Armen. „Wie heißt du überhaupt?“
„Louis“

Sie fahren zu Anton und Louis sieht sich um.
Louis konnte sich in der Wohnung umsehen und fand ein im Verlauf befindendes Plätzchen vor. Viele Ablageflächen mit angefangenen Dingen. Ein Schnippselhaufen in braun und mattem Gelb, Klebstoff und Strukturmasse. Dazwischen ein halbes Bild, dessen weiße Flächen grob angerissen mit Ausschnitten bedeckt sind. Darüber ein Bild von Magritte. Eine nachtgefärbte Häuserfront unter taghellem Himmel. Für ein paar Augenblicke verschwand Louis in dem Bild, blieb unter der erleuchteten Laterne stehen, umgeben von einem gelben Lichtkegel im Schwarz. Den Kopf in den Nacken, bestaunt er die ziehenden weißen Wolken auf hellblauem Himmel, der immer heller zur Häuserfront aufklart.
Plump schreitet er aus dem Rahmen, tritt vorsichtig neben den Schnipselhaufen und von der Ablagefläche hinunter.

In der Küche öffnet Louis eine Bodenklappe und steigt die Leiter in einen diesig beleuchteten Raum hinab. Die Luft war gefüllt mit dichtem Dampf, der nur geschnitten werden konnte. Mit der Hand teilt er die undurchsichtige Masse vor sich, schiebt den Nebel zur Seite und führt einen schnellen Hieb aus, das erste Gesicht im Dunst zu ohrfeigen. Es klatscht laut und nachhallend. Die Schwingungen lassen den Nebel zur Erde weichen, eine Eule öffnet ihre Augen mit wendendem Kopf. Die zwei lichte Augen werden zu Autoscheinwerfern, die auf ihn zu rasen und
"Ich bin neugierig.", sagt er leise.

Linda

Linda legt sich zu ihm auf die Matratze und steckt sich eine Zigarette an, stellt den Aschenbecher zwischen sich und Louis und bläst den Qualm zur Decke. Schaut eine Weile hinauf und zeigt ihm ihr Profil.
Sie streckt den Hals und hält die Zigarette vor sich. Den Arm angewinkelt, stützt sie ihn in ihre Taille. Den Unterarm aufrecht und die Hand kokett von ihrem Gesicht weg, klemmt die Zigarette qualmend zwischen ihren Zeige- und Mittelfinger. Gepresst stößt sie den Qualm zischend durch ihre dünnen Lippen aus. Holt tief Luft und blinzelt verlangsamend.
Begleitet von einem sanften Augenaufschlag drehte sie ihr Gesicht zu Louis. Beugt den Hals und richtete den Kopf in die Waagerechte, um dann mit geradem Blick die Asche in den Aschenbecher zu tippen. Da erst sah sie ihm in die Augen.
„Was hast Du vor?“, will sie wissen.
Und Louis wendet sich von ihr ab, dem Papier vor sich zu und schreibt. Es ist kein Gedanke, den er da niederschreibt, es ist nur der Versuch sich auf Worte zu konzentrieren: die Grammatik laufen lassen und die Sprache der Gedankengänge skizzieren. Nicht automatisch, sondern dem Eifer folgend, eine Idee oder Situation in eine griffige Formulierung verheddern.
Da hilft Linda gerade recht, die Tendenz des Schreibens zu verziehen, aus der einfachen Bahn zu zerren und quer zu schießen.
Sie lehnt sich über seinen rechten Schreibarm und liest seine Worte. Lächelt und lehnt sich wieder zurück.
„Du bist also ein Schriftsteller. Und ich dachte, Anton bringt mal einen Bauern mit. Hast du ihn nicht verprügelt?“
Louis schreibt weiter und es beginnt in ihm zu reagieren, dringt nach außen über die Feder und macht ihn lächeln.
„Er bringt immer wieder den selben Menschenschlag mit und sie reden alle nicht viel, sondern verstecken sich hinter ihren tollen Worten, die ich nie von ihnen zu hören bekomme. Immer soll ich die Texte nur lesen, sie verstehen und erzählen, was ich gespürt oder gerochen habe, ob ich alles verstanden habe. Was denken die, wer ich bin?“, sie schaut ihn nicht an, raucht die Zigarette mit dem Kopf auf dem Kopfkissen und den Blick zur Decke gewandt.
„Und dann sind sie immer enttäuscht. Schreiben nicht mehr, wollen wieder mit mir schlafen, aber ich verweigere mich den Häufchen Elend lieber. Ich bin doch nicht ihre Frau.“, dabei grinst sie und schaut zu Louis, der von den Worten abgelassen und sie im Profil betrachtet hatte.
„Ich bin neugierig.“, dabei lupft sie ihre linke Augenbraue und wendet ihr Gesicht wieder der Decke zu und bleibt solange mit ihrem Blick an Louis Blick hängen, bis der Kontakt im Winkel verschwindet.
Welch schelmisches Grinsen sie von Louis verpasst.


Eleonora

Anton kommt mit Louis bei Eleonora an, die ihm nicht die Tür öffnet, die weiter an ihrem Schreibtisch sitzen bleibt und am Computer arbeitet. Nicht einmal für ein dezentes Kopfnicken wendet sie sich vom Bildschirm ab.
Louis bleibt in der Tür ihres Zimmers stehen und beobachtet sie aufmerksam. Sie bekommt nichts von seinen Blicken mit. Anton hingegen hat sich in die Küche begeben und macht sich dort etwas zu Essen.
Louis wird von ihm gerufen und reagiert nicht, bis Antons Ruf bis zu Eleonora durch dringt, sie enerviert den Kopf zu Louis dreht und ihn mit kleinen Augen beißt. Er erschreckt vor der Kälte in ihrem Ausdruck. Die Lider sehr eng, nur ein sehender Spalt trifft ihn blitzend.
Doch er richtet sich nur auf, stellt sich breit in die Türzarge und hält ihren harten Blick, der sie beinahe zu rauben sucht. Von dieser Tiefe, dem Sog von Louis ausgesetzt, öffnet sie sich mit einer Leichtigkeit, die sie selber überrascht. Beschwingt steht sie auf, geht mit einem breiten Lächeln auf ihn zu, bleibt an der Tür stehen, hält sie mit der gehobenen Hand fest und legt den Kopf zur Seite: „Du bist Louis nehme ich an.“, wartet nicht auf eine Antwort und schlägt ihm die Tür vor der Nase zu.
Louis, der sich dabei nicht bewegt, bekommt die Tür genau vor seinen Bauch, seinen Zehen und Kinn geschlagen, gerade genug Abstand für eine Zeitung. Ein Schritt zurück und er kann das Übel nicht fassen. Entgeistert dreht er sich in Richtung der Rufe und setzt sich dann zu Anton in die Küche.
Der Tisch ist reichlich gedeckt mit Käse und Wurst, verschiedenen Aufstrichen und Brotsorten. Gedeckt ist für 5 Personen und Tee dampft in der Mitte des Tisches auf einem Stövchen: „Was hattest du denn damit vor?“ „Gar nichts besonderes.“
„Aber du hast sie angestarrt wie ein kleiner Junge, flirten wolltest du offensichtlich nicht mit ihr.“
„Sie ist toll.“
„Ja, aber du solltest sie nicht verschrecken oder ärgern mit sonderbarem Verhalten.“
„Entschuldige...“
„Hey, nicht bei mir.“


Ella

Lilius, der nach seinem Großvater benannt wurde, lebt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater, drei Geschwistern und seinen Großeltern in einem Hinterhaus in Kreuzberg. Für Louis ist immer ein Zimmer frei, es ist das Spielzimmer der vier Kinder. Verreist er nicht, schläft Louis sehr gern bei Lilius und sieht ihn vor der Schule. Oft muss er sich dabei anstrengen zu der frühen Stunde konzentriert reagieren zu können. Denn Lilius hat schon einige Marotten seines Vaters erlebt und weiß mit ihnen um zu gehen. Termine schreibt er ihm auf einen Zettel, jedoch weigert er sich das Taschengeld zu quittieren.
„Och Papa, das verwechselst du schon wieder, heute ist Dienstag, nicht Mittwoch.“, und schon hat Louis ein Problem. Erst der verpeilte Anruf nach Lilius Abgang verschafft ihm bedauerliche Gewissheit, dass er versaubeutelt wurde. Einmal ist es peinlich, an zu rufen und das Thema des gestrigen Tages wieder auf zu greifen, manchmal aber auch sinnvoll, die Abmachungen des Vortages wieder zusammen zu raffen und die Termine zu ordnen.
Nach so einem Morgen geht er noch einmal für eine Stunde pennen.
Schläft Louis nicht im Spielzimmer, dann nur zurückhaltend bei Vanessa, Lilius ältester Schwester, um genau zu sein Halbschwester.


Vanessa

Louis fährt nach dem letzten Besuch nach Hause, um zu arbeiten. Er schläft am Computer ein und wacht kurze Zeit später auf, arbeitet weiter und voller Müdigkeit schleppt er sich sehr spät doch noch ins Bett. Schläft die Nacht durch und lang aus, bis es an der Tür klingelt. Langwierig und penetrant, ohne Unterlass, bis Louis die Tür öffnet und Vanessa davor steht mit klimperndem Schlüssel in der Hand.
„Ich dachte, du schläfst noch und da wollte ich ...“
Louis kennt diese Logik und er dreht sich um, begrüßt sie nicht, geht ins Zimmer, schließt mit einem lauten Ruck die Tür und zieht die Bettdecke über seinen Kopf.
Vanessa schaut sich in der Küche um, setzt Wasser für Eier auf, kocht Kaffee und wirft zwei Teller durch den Flur an die Zimmertür von Louis, danach noch zwei Tassen. Louis drückt die Bettdecke noch fester an die Ohren.
Vanessa füllt das Tablett mit dem Frühstück, wieder zwei Teller und zwei Tassen, Messer, Brot, Kaffee, Eier, Butter und Marmelade. An der Tür tritt sie vorsichtig zwischen die Scherben und öffnet mit dem Ellenbogen die Tür, geht zum Tisch und dann zu Louis ans Bett. Mit etwas Schwung springt sie auf ihn.
Sie wühlt ihn unter der Decke hervor, er wehrt sich lachend, weil sie ihn kitzelt und er bekommt sie nicht zu packen. Sie springt auf, stellt ein Bein auf die Brust von Louis, balanciert sich aus, die Arme zur Seite und zieht dann ihr Oberteil aus, erscheint barbusig und stemmt die Arme mit geballten Fäusten in die Taille.
„Willst du mich denn nicht begrüßen du Schuft?“, hebt theatralisch den Kopf und präsentiert ihm forsch das kräftige Kinn.
Louis steckt seine Arme hinter den Kopf , rümpft die Nase und verzieht den Mund: „Nö, erst wenn ich gegessen habe.“

 „Wovon möchtest du? Himbeere oder Stachelbeere?“
„Ich werd erstmal in den Apfel beißen.“, eifrig schnappt er sich das Knie des Beines auf seiner Brust, drückt es hoch und zur Seite, greift mit der anderen Hand nach ihrem Fußgelenk, hebt das Bein nach hinten aus. Stabilisiert sie, doch fordert ihr linkes Knie zur Beuge und sie kommt langsam auf seiner Brust zu Sitzen.
„Da hast du dich aber gerade selber matt gesetzt.“, denn sie drückt mit ihren Knien auf seiner Oberarme, die eingeklemmt erscheinen.
Aber Louis richtet sich mit Druck von den Ellenbogen auf, wuchtet sie rücklings, greift an ihre Hüfte und wendet sie geschwind, um ihr in den Hintern zu beißen. Sie schreit auf und bäuchlings holt sie mit den Armen hinter ihrem Rücken aus, greift hastig nach ihm und er zieht eilig seine Beine unter ihr vor, nimmt sie am Hosenbund und signalisiert ihr, dass die Hose weg muss.
Mit rotierenden Bewegungen der Hüfte rutscht sie aus der engen Hose, zieht die Beine an und rollt sich auf die Seite, weg von Louis. Beinahe als Embryo kauert sie an einem Ende der Matratze, die Augen weit geöffnet.
Louis hockt auf seinen Knien. Sein Penis steht erigiert aufrecht vor seinem Becken ab. Die Hände auf die Oberschenkel gestützt, mustert er sie liebreizend.
Beide sind nackt und beide an den Enden der Matratze.
Er versackt mit ihr im Bett, kalter Kaffee und Frühstück, bis sein Handy klingelt und Karoline dran ist, fragt, warum er nicht zum vereinbarten Essen kam. Zurückhaltend schildert er seine Situation, dass es ihm Leid tut und er gerade nicht weg kann, da Vanessa bei ihm ist.
Karoline weiß, wer sie ist und legt wütend auf, woraufhin Louis sie zwar versucht zurück zu rufen, sie aber nur den AB ran lässt und er kann sagen, dass er morgen wieder zu ihr kommen möchte und mit ihr zu Mittag essen. Vanessa und er gehen statt dessen erst aus dem Haus, als es dunkel wird und schaffen es gerade so zur Vorstellung in die Volksbühne. Danach gehen sie auf ein paar Gläser Wein und Aperitifs mit Michèl, Claudèl und Paul vom Theater in ein nahe gelegenes Restaurant. Zuletzt trennt sich Vanessa mit den Dreien von Louis und sie gehen noch Tanzen.


Sevilla

Louis hingegen begibt sich zu Sevilla, die eine Wohnung unweit der Volksbühne bewohnt. Er klingelt sie aus dem Bett und wird nur mit einem Knurren an der Wohnungstür empfangen. Sie weist ihn nicht mehr ein, sondern verschwindet gleich wieder in ihr Bett, worauf Louis weiß, dass er ins Gästezimmer kann.
Beruhigt über das uneingeschränkte Willkommen sein, nimmt er sein Schreibbuch und Füller aus der Tasche und begibt sich ins Bett. Langsam fängt er an zu schreiben, findet die ersten Worte für die leeren Seiten, verschafft sich einen Eingang in den Rhythmus seiner Gedanken, die zu notieren ihm nun immer weniger schwer fällt.


Jennifer

Nach einem Erwachen in völliger Einsamkeit, fällt es ihm schwer aus dem Bett zu kommen und ein paar Übungen zu machen, den Körper in Gang zu bekommen, die Sonne zu begrüßen und etwas zu frühstücken. Er läßt alles bleiben, sich zu strecken, die Vorhänge zu lüften und zu essen, erledigt lediglich die Morgentoilette, zieht sich an und verläßt leicht hungrig und verwirrt das Haus. Eine Tasche nimmt er mit und er schwingt sich dann aufs Fahrrad.
Noch kurz vor der Mittagszeit sind an diesem Sonntag sehr wenig Menschen auf den Straßen, Jogger oder Mütter mit Kinderwägen, ein paar Hundeführer und Kinder, die alle in einem eigenen langsamen Tempo unterwegs sind.
Louis passiert sie alle unbeachtet, weicht dem einen Hund geschickt aus, durchquert die Hasenheide und fährt nach Kreuzberg rein.
Seine Laune ist ziemlich schlecht und er kommt zu keinem klaren Gedanken, findet keinen Haltepunkt, um zu grübeln oder mit dem Fahrrad zu rasten, strampelt weiter und sieht in der Bergmannstr., dass sogleich um 13 Uhr ein Supermarkt öffnet.
Da wird sein Bauch aufdringlich und der Appettit regt Königsberger Klopse an, die mit Hackfleisch, Kapern, Butter, Mehl und Kartoffeln sich bei den Ingredenzien schnell erschöpfen und doch satt machen. Zwei Weizen dazu und die Tasche ist gut gefüllt, um bei Jennifer auf zu tauchen. Sie hatte gestern einen Auftritt und wird noch nicht gegessen haben.
Seine Vermutung trifft, aber sie ist nicht allein. Sie hat einen Mann mit nach Hause genommen. Sie läßt Louis mit dem dezenten Hinweis hinein, wie der Mann heißt: "Psst, Gustav ist vielleicht etwas scheu und er traut sich nicht aus dem Schlafzimmer."
Louis legt erst einmal ab und stellt die Weizen in den Kühlschrank. Dann geht er etwas polternd und forsch an die Schlafzimmertür und klopft, wartet nicht die Tür zu öffnen und prompt einzutreten. In der Tür stehend, stützt er die Arme in die Taille und schaut Gustav zu, wie er sich schüchtern verkriecht, die Decke bis zum Kinn zieht und mit den Augen wild von Jennifer zu Louis wechselt. "Oh Louis, worum habe ich dich eben gebeten, sei nett zu Gustav.
Darf ich dir vorstellen..." Louis fängt an zu grinsen, "Gustav, das ist Louis, ein sehr guter Freund.", sie schnappt sich ein Kopfkissen und wirft mit den Worten: "Jetzt nicht mehr." nach ihm und lacht dabei. Louis weicht dem Kissen mit flinken Schritten ins Zimmer aus und stellt sich ans Bett, wo er Gustav die Hand hin hält.
Vorsichtig streckt Gustav seine Hand unter der Bettdecke hervor.
Louis empfindet dieses zurückhaltende, fast feige Verhalten beinahe beleidigend, packt die Hand, greift mit der anderen Hand an den Unterarm Gustavs und hievt ihn aufrecht. Die Decke fällt unglücklich zur Seite und Gustav erscheint im wohlgeordneten Adamskostüm, welches Louis sogleich freudig mustert.
"Du hast ja nen richtigen Kerl mitgenommen."
Den ironischen Ton hört nur Jennifer, hingegen Gustav, sich seines Körpers bewußt, langsam locker wird und aus dem Bett steigt. Der etwas kleinere Louis muss zu ihm aufschauen und dennoch füllt sich sein Lächeln mit Hohn, den Jennifer wittert und fragt: "Hast Du einen Grund hier rein zu kommen?" und Louis schielt am V-geförmten Oberkörper vorbei und findet Jennifer leicht nervös am Bettrand knieend.
"Ich will etwas kochen und euch fragen, ob ihr Königsberger Klopse mögt."
Gustav dreht sich verstört zu Jennifer um und ein flehend hündischer Blick macht Jennifer unglücklich, die lieber wieder zu Louis schaut, der es jedoch nicht lassen kann die Rückseite Gustavs zu beäugen: "Louis!", ruft Jennifer aus und bekommt seine Aufmerksamkeit: "Ja gern, die habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen."
Louis dreht sich auf den Hacken zur Tür und bereitet das Essen in der Küche. Gustav steht, den Blick Louis hinterher, nackt vor Jennifer, die mit langsam schwellender Lust seinen Körper betrachtet: "Komm leg Dich noch etwas zu mir." und Gustav gehorcht.
Kurz nachdem das klappernde Geschirr und Besteck das Essen als völlig bereit signalisierte, wurde Louis etwas mürrisch. Er hatte alles allein machen müssen. Ohne die Teller zu füllen, gießt er sich ein Weizenbier in ein Glas, stellt sich vor die dampfenden Klopse und Kartoffeln und trinkt zur Beruhigung seiner aufkeimenden Wut und Eifersucht.
Das Klappern war Jennifer Signal genug und sie hatte das Bett abrupt verlassen. Dem wieder geilen Gustav zerriss sie unsanft die Libido und brachte ihn mit ihrer bitterer Mine zum flinken Ankleiden.
Mit dem halben Weizen in der Hand, empfängt Louis die beiden taxierend. Gustav fühlt sich sogleich zugeteilt, das Essen aufzutun. Louis wird derweil von Jennifer warmherzig umarmt. Doch Louis fühlt sich eher übertölpelt von dieser vorzeitigen Geste des Dankes, die dazu noch von einem: "Danke fürs Kochen." begleitet wurde.
"Wer bin ich denn, dein Koch?", dachte sich Louis, derweil Gustav ihm zu wenig Kartoffeln für zu viel Soße auf seinen Teller angereicht hatte. Enerviert steht er vom Tisch auf und schöpft sich noch drei Kartoffelstücke nach.
Am Tisch zerdrückt er alles. Die Klöße und Kartoffeln werden mit der Soße zu einem dicken Brei, den Louis isst, ohne viel auf den Teller zu gucken.
Nach dem Essen, welches schnell und ohne viele Worte verging, goß Jennifer Schwarztee mit Rum auf, gab Zucker und Zitrone dazu und freute sich, zwischen den beiden Männern am Tisch zu sitzen. Wohlwissend, was sie an Louis hat, fordert sie Gustav absichtlich nicht auf zu erzählen, da seine Stärke die Wort- und Themenwahl wirklich nicht ist.
Louis dagegen hatte schon von Anfang an vor zu erzählen, dass heute Abend die Eröffnung seiner Ausstellung statt findet und er am frühen Abend los will, um nach der ersten halben Stunde in die Galerie zu treten und die ganzen Gesichter in Freude zu versetzen, die Hängung zu begutachten und sich zu betrinken. Für diesen Weg präparierte Jennifer ihn mit zwei weiteren Grog und zur ersten Dämmerung mit Rotwein.
Als es 19Uhr ist, klingelt das Telefon von Louis, der sich genötigt sieht, den Anrufer weg zu drücken. Dennoch will er aufbrechen. Jennifer redet ihm an der Tür, unbemerkt von Gustav, gut zu, später doch noch vorbei zu kommen, sie habe sich sehr über das Essen gefreut. Küßt ihn fest zum Abschied und winkt ihm mit rotweingeschminktem Mund nach.
Auf dem Fahrrad findet er sich erst nach ein paar Kurven zurecht. Orientiert ist er zwar, aber die Koordination der Lenk- und Beinebewegungen hapert noch. An einer bekannten Kneipe hält er an und findet prompt zwei Freunde, die ihn herzlich willkommen heißen. Ihm ist egal, dass seine Vernissage seit einer Stunde läuft und er bittet um den Joint, den die beiden gerade angezündet haben. Zwei Züge reichen, um ihn aus den alkoholischen Pfaden seines Rausches zu katapultieren.
Die zuvor gewahrte Contenance erliegt der Bereitschaft zur Besinnungslosigkeit des morgendlichen Filmrisses.
Er kann die Haltung aufrecht wahren, die Worte ordentlich artikulieren und erscheint dennoch wirr und zusammenhangslos. Bis er sich selber nicht mehr versteht und alles stehen und liegen läßt.
Die beiden Freunde bleiben allein und lachen über die heftige Wirkung ihres Grases.
Louis geht zu Fuß weiter, es ist nicht mehr sehr weit bis zur Galerie, die hell erleuchtet, mit ein einigen Gästen gefüllt ist. Jedoch nimmt sich Louis dieser gleich an.
Ohne viel von dem zu verstehen, was er erzählen wird, steigert er sich in einen lockeren Fluß zusammenhängender Sätze. Denkt keine Sekunde über die Eindrücke um sich herum nach, die alle er gemacht hat. Aber er beachtet die teils unpassenden Rahmen nicht, die er nicht kennt, die ihn fred machen, die schier nichts mit dem Fremden und dessen interpretierten Inhalten zu tun haben.
Seine Lautstärke schwillt mit den nächsten Gläsern Sekt noch an. Er überwölbt mit seiner kräftigen Stimme die anderen Gespräche in der Galerie, die langsam abebben und schließlich ganz verstummen, um seiner Stimme den Platz zu lassen. Da nun ist er bereit für die kleine Bühne der Galerie|5|, die seit ein paar Tagen auf diesen Zustand von Louis gehofft und hingearbeitet hat.
Nicht seine gemalten Bilder machen ihn als Künstler aus, sondern die (Vernissagen und Finissagen). Wenn er stark betrunken auf die Bühne geht, kann der gesprochene Unsinn, fern Louis Bewußtsein, eine Ekstase an dialektischer Durchdringung eines Themas sein, die kaum an pedantischer Albernheit zu wünschen übrig läßt. Für die Zeit vor dem Publikum hat Louis nichts geübt oder geplant. Er kann sich an diese Auftritte im Nachhinein auch nicht erinnern und verliert sich dabei in den Tiefen der eingebildeten Illusionen seines Selbst.
Am Ende des Auftritts holt ihn sein eigener Applaus aus einer Apartie, die ihn reden ließ, ihm die gefühlte Blöße nahm, welche mit dem eigenen Klatschen in die eigenen Hände die seine ist und in voller Härte auf ihn einwirkt. Der totale Kollapps, wonach das Publikum erst sein Erwachen beklatschen kann.
Peinlich berührt und von der abrupten Nüchternheit geschlagen, stürzt er von der Bühne, verläßt eilig die Galerie und irrt zurück zur Bar, wo er seine Tasche mit seinen Sachen hat stehen lassen.
Die beiden Freunde trifft er wieder, sie hatten auf seine Tasche acht gegeben und freuen sich ihn zu sehen. Doch Louis erinnert sich nicht an die beiden, ist ganz verwirrt und verstört. Sein Verstand spielt dumme Spielchen mit ihm.
"Was ist in den letzten drei Stunden passiert? Ich war doch bei Jennifer."
Er will sich den Beiden nicht nähern. Nervös steht er einige Meter abseits, schaut auf seine Tasche und wandert mit dem Blick umher. Er hat genug getrunken, will nicht weiter auf den Beinen bleiben und spürt unaufhaltsam den Schwindel und die Angst steigen.
Er nimmt sich hastig die Tasche weg und verläßt eilig die Bar. Erst nach ein paar Straßen auf dem Fahrrad, findet er sich zurecht, um an zu halten. Er steigt ab und schaut in den bedeckten Himmel: "Was ist mit mir geschehen?"
Wütend schreibt er eine SMS an Regina, seiner Schwester. Sie kennt diese Stimmung an ihm und bietet ihm wie immer die Couch an.
Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, spricht das Gesicht in Formen, die sich ihrer Bedeutungen nicht unmittelbar gewahr sind.
Reuig taucht er unter dem ausgestreckten Arm ihres Mannes durch, der mit patziger Miene die Tür weit geöffnet fest hält und den Einlasser mimt.
Als erstes verschwindet Louis im Bad, setzt sich auf das Klosett und sammelt sich. Er findet gedanklich den Ort seiner Anwesenheit, kehrt bei seiner Schwester ein, um Ruhe zu finden. Seine Gedanken ordnen sich, er kommt an. Vielleicht ist es ein minimaler Duft, der in der Wohnung schwebt, welcher die Laune von Louis hebt. Oder die Farben des installierten Lichts.
Leise geht er in die Küche und bedient sich an Brot und Käse, trinkt etwas Milch und putzt sich dann die Zähne.
Unter einem Sitzelement der Couch befindet sich ein Fach für Louis Kleidung samt Decken. Er legt sich eine Decke unter und schläft dann zugedeckt in seinen Sachen. Der kleine Imbiss verbessert seine Träume, die ihn an Anton erinnern, der zuvor ihm dieses Leben gezeigt hatte.

Anton fand sehr langsam ein Ende, seine Zeit kam immer erst nach aller anderen, die feierten. Sein Weg war mit den Aufräumern geteilt, heiter trinkend und weisend. Die Unterhaltung brach er nicht ab, erzählte von seinen Erfahrungen bei der Armee und lachte sich über alte Streiche kaputt, ohne wirklich verstanden zu werden.

Evelyn - Lionell
Ablenkung vom Auftritt


Am frühen Morgen, noch bevor die anderen in der Wohnung aufstanden, erwachte Louis und setzte sich in die Küche. Er bereitet etwas zu Essen vor und holt die Zeitung aus dem Briefkasten. Nach ein paar Bissen und Überschriften, ein paar Absätzen und Bildern stößt er auf eine ihm bekannte Menge von Buchstaben im Kulturteil. Er erkennt das Anagramm von Evelyn Lionell.

Elly Leon Levin in einer Premiere.


Louis geht auf den Bahnsteig und wartet auf den Zug aus Zürich, in dem Evelyn sitzen soll. Sie hatte ihm mit mehreren SMSes geantwortete und Louis zum Bahnsteig gelotst, der ihr freundig zu verstehen gab, sie bei der Ankunft zu erwarten. Leider stieg sie nicht aus. Besorgt verlässt er den vereinsamten Bahnsteig.
Der Anrufbeantworter springt an und begrüßt Louis mit den Worten: „Leider bin ich zurzeit nicht erreichbar, werde aber die Nachricht, die sie hinterlassen schon beim Aufsprechen sabbotieren. Fühlen sie sich bitte herausgefordert mich nach dem Piepen zu informieren, dabei aber“, es piept und Stille verleitet den verwirrten Louis statt zu sagen, worum es ihm geht, die Maschine zu fragen, was das bedeuten soll und prompt erscheint nach einem dumpfen Ton wieder die Stimme von Evelyn: „Die gelegentlichen Unterbrechungen müsst ihr nutzen, um mir nicht einfach nur etwas zu sagen, sondern euch auf die Unterbrechungen ein zu lassen.“, danach fängt sie für zwölf Sekunden an, bruitistisch und klanggewaltig den Sound der Hörermuschel zu überreizen und abrupt von einem Piepen verdrängt zu werden.
Louis lacht ins Mikro und sagt: „Was für eine geile Scheiße. Wie bist Du denn da ran gekommen? Ach, was soll die dumme Frage, ich will auch so was haben.“, und wieder 3 Sekunden Laute und Wortfetzen, die den Fluss der Rede unterbrechen, verschwinden und weiter sprechen lassen.
Erst, als Louis wirklich seine Sorge über Evelyns Befinden vorbringen will und unterbrochen wird, erregt ihn die Sabbotage derart zu fluchen und in den Hörer zu schmettern: „Scheiße noch eins, wie soll ich da etwas sagen, wenn diese Kackmaschine mich dauernd...“, prompt ein neues 3 Sekunden Stück mit sanfter Stimme von Evelyn, die nun zu schlichten sucht: „Nicht böse sein, alles nur Spaß.“
Auf dem Vorplatz des Bahnhofs bleibt Louis stehen. Er spürt Evelyns Nähe. Ihn überkommt das gute Gefühl dem Spaß fast erlegen zu sein und sich nur nicht umdrehen zu dürfen und Evelyn käme von hinten auf seinen Rücken gesprungen, um ihn zu erschrecken. Aber er will sich nicht erschrecken lassen und schaut sich drehend um. Den Hörer noch in der Hand, nimmt der Anrufbeantworter weiter die Rufe von Louis auf: "Evelyn...Evelyn". Bis sie hinter einer Säule auftaucht und ihn grimmig anstarrt.
"Warum verdirbst du alles?", ruft sie ihm laut entgegen und er legt auf.
"Wusst ichs doch.", flüstert er sich zu und grinst verschmitzt, senkt leicht den Kopf und geht mit schnellen Schritten auf sie zu. Evelyns Mine wird sogleich berechnend und nimmt einen koketten Schimmer an, den Kopf im Nacken und mit gehobenem Blick, gibt sie sich ihm hin. Kitschig schlingt Louis den Arm um Evelyns Taille, rüttelt sie einmal und schaut sie mit ironisch geradem Mund an: "Du kommst wegen mir, Baby, gibs zu, dein Auftritt ist nur ein Vorwand."
"Kannst du mir verraten, wann du mich küssen wirst?", erwidert sie und lässt den Mund offen, schaut Louis von unten auf die Lippen und
in die Augen. Langsam neigt sie den Kopf zur Seite, doch Louis stößt sie weg.
"Genau, jetzt werden wir ernst."
Evelyn taumelt überrascht rückwärts, balanciert sich mit den Schultern wippend aus und richtet danach ihren Hosenrock. Ihre völlig gelöste Erscheinung birgt eine anzügliche Aufforderung zur Initiative, sie wirkt immer neugierig und erwartend, ihr naives Lächeln begleiten Grübchen und ihre Stimme schwankt von traurig nüchtern zu sachlich. Ist sie jedoch nicht der Fokus des Interesses, wird sie launisch und schnippisch, läßt die Mundwinkel hängen und ebenso die Schultern. Artikuliert sich nur blöckender Weise/bröckchenweise und gibt einen Scheiß auf das Geschwätz der anderen. Mit unter kann sie sehr hilfsbereit sein und trägt ein mildes Lächeln auf ihren Lippen, die von schmeichelnden Falten umrundet sind, dann erhöht sie ihre Stimme, redet langsamer und eindringlicher, hört aufmerksam zu und schaut einem in die Augen. Oder sie schmachtet beim Blickkontakt. Überaus erregt blüht sie in glühendem Rosa auf pausigen Bäckchen. Sie flirten ein paar Minuten und Louis spürt eine Freude erwachen. Er kommt auf die Idee ihr kurz ein Objekt von Beuys im Hamburger Bahnhof zu zeigen und dann an der Mauer und Spree entlang zu gehen.
"Pfui", sagt sie, "was hast du denn mit mir vor?", hebt die Augenbrauen und öffnet die Augen weit.
"Na gut, dann komm mit ins medizinisch-historische Museum."
"Boah, jetzt hakts aber, wa.", ihr Desinteresse kann sie hinter kleinen Augenschlitzen nur mühsam verbergen.
"Ich weiß, aber ich dachte mir, wenn du mir hier schon auflauerst, wirst Du einen Grund dafür haben."
"Nee, wa. Ick dachte mir, ick will bis heute Abend nicht an meinen Auftritt denken und mit Dir anfangen zu trinken und vor zu glühen."
Louis lacht ein wenig und verbeugt sich: "Ich verstehe, ich stehe dir ganz zur Verfügung. Würden sie mir bitte folgen.", und er bietet ihr seinen Arm an, um sie zum Taxi zu führen.
"Worum gehts denn heute Abend?"
"Ich spiele die Justin in einer Inszenierung zu de Sade."
Louis muss kräftig lachen, hält ihr die Wagentür offen und setzt sich dann zu ihr, umarmt sie über die Schulter und zieht sie zu sich heran. "Schön, dass Du zu mir kommst. Wir hatten schon lange keinen Spaß mehr. Was ist denn an dem Auftritt so besonders?"
"Heute ist die Premiere."
"Ja ich weiß, darum habe ich dir geschrieben, aber warum das hier?"
Sie zögert: "Einmal werde ich auf der Bühne richtig gefickt." Stille.
"Zum Viktoriapark bitte."
"Ja, das ist gut.", sie legt ihren Kopf in seinen Schoß und der Fahrer weist sie darauf hin, sich an zu schnallen. Evelyn schließt die Augen und wird erst wieder wach, als Louis aus dem Taxi steigt und ihren Kopf auf den Sitz legen will.
"Hey.", ruft sie erschrocken auf, sucht hektisch nach Orientierung und sieht draußen Louis mit dem Fahrer quatschen, der sich gerade eine Zigarette angezündet hat. Erleichtert lacht sie und legt den Kopf noch einmal aufs Leder, dreht sich auf den Rücken und sieht durch die Heckscheibe in die Sonne. Die ersten lösenden Gedanken dringen mit der Wärme in sie ein und in einiger Entfernung hört sie das Rauschen des Wasserfalls. Der Viktoriapark, Kreuzberg. Im Radio läuft ein Gedicht von jan j., es verstört mit seinen Loops und Stimmspuren, aber ein Satz gelangt vollkommen klar zu Evelyn durch: "zurrt euch den Leib an das Leben und jauchzt"
"Evelyn, Evelyn", Louis rüttelt an ihr: "Komm jetzt, wir gehen uns die Füße baden. Da vorn kaufen wir noch einen Wein."
"Wein? Ja, das ist ein gute Idee.", und sie dreht sich um, klettert aus dem Wagen und kaum ist sie draußen, brummt der Mercedes davon.

Als sie vor dem Weinregal stehen, wird Louis von xxx angerufen und
Der Wein sagt ihr mit seiner Süße zu und der Alkohol schmiegt sich in ihr Gleichgewichtsgefühl ein, als sei sie nie zuvor betrunken gewesen. Sogleich sucht sie die stützende Schulter von Louis, der sie kitzelt und sie so den halben Inhalt des Plastikbechers verschüttet lässt. Dennoch ist sie belebt und verliert den Fokus auf das Gleichgewicht, sieht sich vielmehr um und manövriert mit drehenden Hüften durch die Fahrradbarriere am linken Fuße des Viktoriaparks neben dem Wasserfall, wo es auf gepflastertem Weg einmal steil hinauf geht oder nach links in den Rosengarten.
Louis und Evelyn suchen eine kleine Wiese am Wasserfall auf, die unterhalb der Brücke liegt. Gerade Platz für eine Decke, nehmen sie unter einer Weide(?) Platz.
und xxx kommt dazu, sie bringt etwas zu rauchen mit.




Sie gehen die Kreuzbergstraße entlang und kommen an der Villa Kreuzberg vorbei. Viele Menschen laufen ständig rein und raus und bereiten die Terrasse für ein Fest vor. Evelyn möchte nachsehen und bittet Louis kurz zu warten. Er nickt und schaut sich suchend um.
Evelyn geht indessen mit forschem Schritt an den Vorbereitenden vorbei, schaut forschend umher und hat die Hände hinter dem Rücken. Ihr gehobener Kopf gibt ihr den Anschein, etwas zu wissen. Jeder Augenkontakt mit den Angestellten ist flüchtig aber freundlich.
(Sie geht auf Toilette und erlebt dort ein Gespräch zwischen zwei Frauen, die nach ihr eintreten. Geschäftig kackt sie und grinst sich ins Fäustchen.)
Louis bittet einen Passanten um eine Zigarette, der keine für ihn hat, dann kramt in seinen Taschen und findet nur ein Blättchen und Kleingeld. Pleite. Ohne Instrument ist es immer schwierig. Die Flasche Wein versteckt er in einem Busch und mit einem Pappbecher fängt er an zu betteln. Erst hüpft er von einem Bein aufs andere, spielt sich selbst den Doofen und erhebt die Stimme zum Marktschreier, bietet unsinnige Produkte feil, um die richtige Lautstärke und Stimmlage zu finden.
Die ersten Verse misslingen ihm noch, doch mit dem Schnipsen der Finger findet er den Rhythmus.
„Hell above and heaven below.“
Die Traurigkeit eines Tom Waits Songs passt nicht zu seiner fissilgen und zarten Stimme. Aber es legt sich eine Schwere auf seine Zunge, die den Ohren schmeichelt und zuhören lässt, wie Louis Ringelnatz rezitiert: Leidend in der ersten Strophe der Reklame und dann immer betroffener. Doch die Lautstärke macht seinen Kummer spürbar und die Passanten bleiben stehen, amüsieren sich und werfen ihm etwas Geld in seinen Pappbecher.



Reklame

Reklame

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: “Mag sein! Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein Gewissen sind rein!”


Er bedankt sich verbeugend vor den Klatschenden und mäkelt ein wenig über die bescheidenen Gaben und bittet um noch mehr Aufmerksamkeit. Der Auflauf wird dichter und er stampft vor ihnen mit großen Schritten auf und ab.
Mit seinen komischen und weit ausholenden Bewegungen untermalt er mehr und mehr die nächsten Verse, zieht sich an einer imaginären Stange hoch und zeigt auf seinen Bizeps. Seine harte Stimme ist nun die eines Sportlehrers, um einen Klimmzug an zu treiben.

Klimmzug

Klimmzug

Das ist ein Symbol für das Leben.
Immer aufwärts, himmelan streben!
Feste zieh! Nicht nachgeben!
Stelle dir vor: Dort oben winken
Schnäpse und Schinken.
Trachte sie zu erreichen, die Schnäpse.
Spanne die Muskeln, die Bizepse.




Und wieder klatschen sie und werfen ihm Geld zu, bis Evelyn aus der Villa kommt und Louis die Vorstellung übereilt abbricht. Unzufrieden ruft die Menge dem flüchtenden Louis nach. Aber er hatte prompt 6€ mehr in der Tasche.
Evelyn empfängt ihn mit einem Schmunzeln auf den Lippen und sagt, dass es hier eine Hochzeit gebe und heute Abend ein Feuerwerk statt findet, die Gesellschaft komme in ein paar Stunden.
„Ich hab uns zwei Gläser und einen kalten Weißwein besorgt, den find ich jetzt bekömmlicher.“
Louis räuspert sich erstaunt und herzt Evelyn kräftig, die mit einer entschlossenen Kraft den Stoß erwidert. Ihr ist nach Körperkontakt und Druck. Aber Louis schlägt vor, die Füße in den Wasserfall zu tauchen und den Wein zu genießen. Evelyn mag sich nicht entscheiden und folgt seiner Idee.
Auf der grünen Wiese neben dem Wasserlauf sitzen einige Menschen am Ufer und auf Decken. Evelyn und Louis gehen getrennte Wege durch die sitzende Menge und ziehen sich am Ufer die Schuhe und Socken aus.
Sie fassen einander an die Unterarme und halten Gleichgewicht auf je einem Bein. Eilig ziehen sie in Konkurrenz mit der freien Hand den Schuh und Socken aus, hüpfen aufs andere Bein, noch immer einander stützend und als Louis im Rückstand es zu eilig hat den Socken zu entfernen, stolpert er vorwärts. Mit dem nackten Bein landet er im Wasser und macht sich sein Hosenbein nass, das andere Bein hält er hoch und macht eine alberne Pose daraus: auf einem Bein, die Arme zur Seite gestreckt, hüpft er und dreht sich um seine Achse. Als er den Fuß in der Nähe von Evelyn hat, bittet er sie, ihn aus zu ziehen und sie geht auf ihn zu, an ihm vorbei ins Wasser, krempelt die Hosenbeine hoch und stellt sich neben ihn ins Wasser: „Ich halte Dich.“, wobei sie ihn an der Hüfte packt und sich leicht gegen ihn drückt.
„Auch gut.“ sagt Louis, der ihre Brust an seinem Rücken und seiner Seite spürt. Er beeilt sich, das Bein an zu winkeln und den Socken zu entfernen.
Nachdem es ihm gelungen war, ließ sie ihn aber abrupt los und er fällt um, muss sich mit einer Hand abstützen und macht dabei seine Hose bis zum Knie nass.
Evelyn amüsiert sich mit den Händen vor dem Mund, kichert schelmisch und hält plötzlich inne. Sie überlegt ein wenig und setzt sich dann ans Ufer.
Louis konnte auch nichts anderes machen als lachen. Er richtet sich auf und nimmt neben Evelyn Platz. Er bemerkt ihren plötzlichen Stimmungswandel, doch er möchte nicht darauf eingehen. Statt dessen köpft er den Weißwein, gießt ein und reicht ihr ein Glas, an dem sich Kondenswasser bildet. Die ersten Schlücke kühlen sie von innen, so wie sie an den Füßen erfrischt werden. Das Prickeln macht den Trübsinn leichter und sie fängt an zu erzählen.
„Ich muss seit einem halben Jahr jeden Tag meinen Schleim und Temperatur messen. Ein Arzt hat mich dabei betreut, indem er mir sagte, wann ich meine Tage bekommen werde. Als ob ich das nicht auch selber gewusst hätte. Kannst Du Dir vorstellen, dass der Produzent tatsächlich meinen Zyklus für den Terminplan der Aufführungen beachtet hat?“
Louis lächelt sie mild an und schüttelt den Kopf.
Evelyn betrachtet ihn musternd: „Warum wirst Du immer ruhig, wenn ich Dir etwas erzähle?“, kurz fixiert sie ihn und dreht dann ihr Gesicht zum Wasser. Wasserspieglungen erhellen nervös ihr Gesicht. Sie trinkt vom Wein: „Es gibt seit Tagen nichts wichtigeres für meinen Arzt, als mein Befinden. Ich soll Obst essen und viel Trinken, mein Becken dehnen und Yoga machen. Was für eine Frechheit sich so in meinen Alltag ein zu mischen.“
„Aber das ist doch nett, wenn er auf Deine Gesundheit achtet.“
„Gesundheit ja, aber er überwacht mich und vertraut mir nicht. Wenn ich ihm sage, dass ich zu der Zeit nicht blute, dann soll er mir das glauben!“
Sie steht auf und geht ein paar Schritte im Wasser. Der Himmel spiegelt sich blau unter ihr und die treibenden Wellen verstärken ihren schummrigen Blick. Die erste Wirkung des Alkohols.
Touristen stehen am Fuße des Wasserfalles und schauen hinauf zu Evelyn, die sich beobachtet fühlt und erkannt.
„Ich wollte doch nicht an das Stück denken.“, sie schüttet den Rest des Weines ins Wasser und dreht sich zu Louis: „Warum hast du nichts gesagt? Du sollst mich ablenken! Und schon hänge ich irgendwelchen schweren Gedanken nach.“
„Aber hör dir doch zu, du erzählst mir von Deiner Arbeit und nicht von der Aufführung selber.“, Evelyn runzelt die Stirn, „Du sagst, dass dich ein Mann voll und ganz integrieren will und all deine Schwierigkeiten als Frau bei der Arbeit beachtet.“
„Was redest Du da? Er pfercht mich in der Rolle als Frau total ein! Er macht mir ein schlechtes Gewissen, gibt mir das Gefühl, dass ich mit nichten meine blutenden Geschicke beeinflusse, denn mein Zyklus tut das für mich. So redet er mit mir. Getragen und altväterlich. Der versucht mit seiner Stimme eine Autorität zu mimen.“
„Jetzt tust du dem Regisseur aber unrecht, ich meine, er könnte Dich auch blutend auf die Bühne schicken.“
„Du bist mir lustig, mein Schauspielpartner würde niemals … ach … es geht um die Art und Weise, mit der er mit mir spricht. Ich fühle mich immer wie vor meinem Vater, dem konnte ich nie widersprechen.“
Louis nickt und überlegt, ob er weiter reden soll oder besser aufstehen und an sie heran treten. Vielleicht den Spott noch verstärken und den Regisseur in Grund und Boden verbannen. Es gibt nicht viele Möglichkeiten auf ihre Traurigkeit zu reagieren.

Wonach ist es ihr denn nun?

Der Wein schmeckt ihm und er trinkt sein Glas aus, nimmt sich wieder und trinkt die Hälfte.
Dann sagt er: „Wenn du mich fragst, spielt es keine Rolle, was du willst oder kannst, es gibt nur ein paar Dinge, die du heute noch beeinflussen wirst. Deine Performance und dein Bild von dir selbst.“
Sie dreht sich um und umarmt Louis, der sie in die Arme schließt. Sie weint und umklammert ihn fester. Louis drückt dagegen und Evelyn rüttelt an ihm und stößt leise gepresste Kraftrufe aus, die Louis anspornen.
Mit seiner freien Hand greift er unter ihre Achsel und schlängelt sie hindurch bis hoch an den Hals und packt zu. So hebelt er ihre rechte Seite aus. Sie lässt von ihm ab und sucht mit zwei Schritten weg von Louis ihr Gleichgewicht.
„Möchtest du ringen?“, fragt Evelyn und beugt sich vor, die Arme vorgestreckt und in den Knien gebeugt. „Willst du kämpfen?“.
Sie sieht die Wasserflecken auf ihren Sachen und holt tief Luft. Mit geschlossenen Augen saugt sie den Duft des Wassers und der Blüten in sich ein. Sie wünscht sich Flügel und Watte auf der Haut, warmen Regen in ihrem Gesicht. Stille, statt dem Stadtverkehr. Die eigene Stimme hören.

Wann war sie eigentlich das letzte Mal im Grünen?

Prompt fällt Louis ein Text von einem Bekannten ein: „Tagebuch! Heute grün. Ich erwachte in Bewegung. Blauer Himmel, über mich hinweg ziehenden Baumwipfel. Einzelne Sonnenstrahlen funkelten hindurch. An meinem Rücken rieb sich Erde und feuchtes Gras. Ich hob den Kopf. Eine Gestalt im grauen Mantel mit übergezogener Kapuze hielt mein rechtes Bein mit beiden Händen an seine Hüfte gepresst und zog mich hinter sich her. „Wohin soll’s gehen, guter Mann?“, fragte ich. Er schritt stumm mit ausladenden Schritten weiter. Es ging über eine Wiese, eine Lichtung, rings herum standen Bäume. Ich winkte vorbei hoppelnden Hasen zu. Wann war ich eigentlich das letzte Mal in freier Natur gewesen?“
Stille.
Blätterrauschen und plätscherndes Wasser. Die Augen geöffnet und blauer Himmel. Es riecht nach blühenden Büschen und Bäumen. Ihr Kopf im Nacken.
„Ich will mit dir kämpfen! Ich wollte gar nicht an den Wasserfall, ich bin einfach mit gekommen, weil ich nicht diskutieren wollte.“
„Was meinst du mit kämpfen?“
„Stell dich nicht an!“, sie steigt aus dem Wasser, nimmt ihre Schuhe und geht auf den Asphaltweg. „Komm doch endlich.“
Louis hatte ihr nur nach geschaut.
„Was ist denn jetzt los?“
„Mach schon! Ich will mit dir auf die Wiese und mit dir kämpfen.“
Louis nimmt die Weissweinflasche und folgt Evelyn den Berg hoch. Sie kommen am Kreuz des Viktoriaparks heraus und stehen an einem geschwungenen Hügel mit leichter Neigung.
Auch hier sitzen Unmengen von Menschen auf Decken und sonnen sich.
Evelyn zieht Louis weiter und sie kommen an eine beschattete Stelle, an der das Gras weich und die Menschen zurück gezogen liegen. Niemanden geht etwas an.
Evelyn zieht ihre Hose aus und Louis ebenso. In T-Shirts und Unterhosen stehen sie einander gegenüber.
„Was hast Du vor?“ will Louis wissen.
„Ich bin aus irgend einem Grund sauer und ich will den Kampf nicht mehr in mir austragen.“
„Das klingt vernünftig.“, lachend packt er ihr Handgelenk und zieht sie leichtfertig, doch Evelyn dreht ihren Arm sofort gegen seinen Daumen aus der Umklammerung, macht einen Schritt zurück und geht tief in die Beuge. Derweil tritt Louis noch vor und Evelyn duckt sich unter seinem Armen hindurch. Schnell gelangt sie an sein Bein. Sie erreicht das rechte am Knie, zieht es hoch und ihren Körper heran. Ihren anderen Arm hebt sie hinauf zu seiner Schulter und drückt fest dagegen.
Über Kreuz hängt Louis in einer Achse der Drehung, die sein Gleichgeweicht bestimmt und er es verliert.
Der Wurf bringt ihn auf den Rücken und Evelyn landet auf ihm, hat ihre Hand noch an der Schulter, umgreift den Hals und schnappt sich mit ihrer Hand von seinem Knie seinen Arm, den sie an ihrem Bauch fixiert und Louis in den Schwitzkasten zwingt. Er liegt auf dem Rücken in aussichtsloser Lage.
Aber Louis ist schwerer und kräftiger als Evelyn. Erst erschlafft er total und Evelyn lässt locker, doch dann stützt er sich auf den Schultern ab, stellt seine Füße auf und drückt sich in die Bank, wodurch Evelyn von ihm rutscht und nach vorn fällt. Dabei löst sie den Griff derart, dass Louis sich heraus winden kann und sie von hinten greifen will.
Evelyn ist aber schnell genug und wehrt den Griff mit ihren Händen ab, dreht sich um und bleibt tief in der Hocke. Louis lauert in gleicher Haltung ihr gegenüber. Er fixiert ihren Blick und wartet auf kleine und verratende Bewegungen.
Der Kampf hat begonnen.
Mit festem Griff ans Handgelenk zieht Louis sie. Blitzschnell senkt er den Oberkörper und macht einen Schritt vor und um sie herum. Hinter ihrem Rücken greift er mit seinen beiden Armen um ihren Bauch, klammert und drückt zu. Evelyn, die ein Ausheben fürchtet, flüchtet vorwärts. Mit strampelnden Bewegungen und verzweifelten versuchen, sich aus der Umklammerung zu zerren. Ungeschickt lässt sie Louis stolpern, der mit ihr nach vorn fällt. Sie verlieren beide Bodenkontakt und prompt ist das Gleichgewicht in einen Vortrieb gedrängt, den keiner anleitet; bis sie zu Boden driften.
Der Aufprall war hart und Evelyn ächzt unter dem Gewicht von Louis.
Auf dem Boden stützt er seinen Kopf ins Gras, stellt seine Beine und Kopf auf und drückt all sein Gewicht durch die Schulter in Evelyns unteren Rücken, sie wimmert. Dann zerrt er an ihr, links, rechts, hin und her, täuscht an und nimmt die Kraft aus seinem unteren Rücken und seinen Beinen zusammen, lupft ihr geringes Gewicht an der Taille hoch und schnürt mit einer eiligen Bewegung seinen Arme unter ihrem Bauch zusammen und seinen Oberkörper noch fester an sie, um sie zu rollen. Den Kopf ins Gras und in den Nacken gestemmt, wuchtet er sie von links neben sich

über sich
auf die andere Seite
und er hatte sich ein Mal um seine Achse gedreht, um sie wieder auf dem Bauch neben sich zu legen. Er lässt los und legt sich auf sie, drückt sie mit seinem Gewicht nieder und sie fängt an zu schimpfen.

„Ich weiß, dass du stärker bist als ich, aber du musst mich nicht gleich so fertig machen.“, sie drückt ihn weg und steht auf.
„Scheiße noch eins.“, ruft sie im Weggehen aus. Nach ein paar Metern hockt sie sich hin und nimmt die Hände vor ihr Gesicht. Sie weint.
Wieder ist Louis ratlos. Sie ist zu ihm gekommen, um sich ablenken zu lassen und nun weint sie.
Er zieht sich an und legt Evelyn ihre Sachen hin. Leise setzt er sich etwas hinter ihr hin und beobachtet ein paar Hummeln, die über die Wiese fliegen und Blüten besuchen.
„Möchtest du etwas Wein?“
„Gern.“
Louis gießt ihr etwas ein und sie trinkt aus, verlangt nach und leert auch das zweite Glas.
„Warum bist du so überspannt?“
„Ich weiß auch nicht. Die Sache ist mir vielleicht zu Kopf gestiegen.“
„Darum bist du ja auch hier.“
„Nein.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Warum bist du dann hier?“
„Ich fühle mich so leblos und leer. Als sei mein Körper nicht ich, sondern nur ein Werkzeug.“
„Dein Körper ist dein Werkzeug, darum geht es beim Schauspiel!“
„Ja doch, aber was wird mein Sohn von mir halten?“
Wind weht kräftig durch die Bäume und es riecht nach Gewitter. Evelyn steht auf und schaut Richtung Sonne. Durch die Baumwipfel hindurch kann sie nur schwer erkennen, ob Wolken heran ziehen.
„Gieß mir bitte noch etwas Wein ein und lass uns auf das Denkmal gehen.“, wobei sie mit ihren schlanken Beinen in die Hose schlüpft und das Sakko über die Schulter wirft.
„Ich will jetzt nach oben.“
Louis kann ihr nicht so schnell folgen und stackst ihr über Grasbüschel hinterher. Der Wein in den gefüllt Gläser schwappt bedrohlich in seinen Händen und den beinahe leeren Weinflasche presst er zwischen die Handballen: „Sag mal, kannst du mir auch was abnehmen.“

Die Steine der Treppe hinauf zum Denkmal sind von der Sonne gewärmt.





Hunger und sie gehen Pizza essen.

Der Wein ist aus und die Stimmung heiter, Freundin von Louis in der Großbeerenstr., Besuch und Eis aus der Truhe mit einem Schuß Whiskey drüber. Die Wohnung ist im Hinterhaus, kühl und dunkel.

Er nimmt sich Evelyn, die nicht recht klar werden möchte. Widerwillig läßt sie ihren Arm über Louis Schulter, der sich bücken muss und sie trotzdem trägt. Am Taxi legt er sie auf den Rücksitz und setzt sich vor zum Fahrer. Weist ihn an und dreht sich zu Evelyn, nimmt ihre Hand und erzählt ihr einen Witz von zwei gackernden Hühnern, die sich von Tag zu Tag in ihrer Lautstärke zu überbieten suchten. Sie wurden immer lauter und alle Hühner waren neidisch. Den Wettstreit, den die beiden austrugen verstand der Bauer falsch, der eines Tages in den Zwist hineinschoss und eines der beiden Hühner tötete. Danach war Ruhe im Karton. Und Evelyn fängt an zu gackern. nach dem dritten Gackern konnte sie sich nicht mehr halten und prostete derart, dass sie sich verschluckte, hustete und weiter lachte, Tränen und Bauchschmerzen und beruhigte sich erst wieder in der Maske des Theaters. Da erst ließ Louis von ihr ab, sie allein aufrecht sitze, setzte sich selber aber auf die Couch an der Wand und atmete tief und erleichtert durch.
"Geschafft.", aber Evelyn sah ihn gar nicht.
Als Evelyn sich lange genug im Spiegel angesehen hat, findet sie zum nötigen Ernst und ruft nach Hilfe beim Schminken und ankleiden. Sogleich tauchen zwei ältere Damen und ein junger Mann hinter einer spanischen Wand auf, stellen sich hinter sie und schauen sie abwartend durch den Spiegel an.
Louis verläßt die Gadrobe und schaut sich hinter der Bühne um, bis ein Techniker ihn bittet, stehen zu bleiben. Licht von vorn und oben strahlt ihn grell an: "Jetzt bitte zwei Schritte nach rechts, nein das andere rechts, ja genau.", Louis sieht nichts und befolgt, bis das Licht wieder erlischt und aus der Ferne ein leises Danke zu ihm dringt. Er geht weiter und findet eine Tür zu einem weiten Raum, in dem sich Schauspieler warm machen. Eine breite Spiegelfront und eine Wand mit einer Ballettstange, an der sich ein Mann und zwei Frauen dehnen. Louis tritt ein und setzt sich auf einen Hocker neben der Tür.

Die Spannung in der Luft verträgt sich nicht mit dem Rauschzustand von Louis, der gewahr vieler neuer Eindrücke nichts sagen kann, seinen Verstand nicht kontrolliert, sondern den Emotionen schutzlos entgegen strebt. Die probenden Gesichter, Hass, Verachtung, Hochmut, Hohn, Gehässigkeit, Verachtung und immer wieder verzerrtes sadistisches Lachen. Die Gesichter schwirren um ihn, ergreifen ihn und er muss raus, stolpert zur Gaderobe von Evelyn, die in den Spiegel starrend, Text säuselt und die Haare gerichtet bekommt. Louis hält sich am Türrahmen fest, wankt zur Couch und fällt in sie.
"Wenn du wach werden willst, findest du etwas im Bad.", doch kaum verstanden, schläft er ein.
Es klingelt und Louis erwacht. Er sieht Evelyn in der Tür stehen, die mit einer Hand am Rahmen ihm zulächelt. Ein Kussmund zum Abschied: "Guck bitte nicht zu.", und sie geht mit gesenktem Kopf davon.

Mit dem letzten Gras dreht Louis einen Joint, geht in der Garderobe auf und ab, wird immer nervöser und zündet ihn an. Ruhe kehrt wieder ein. Der Rausch ist gemacht für ein Nickerchen. Bis ein lauter gellender und lang anhaltender Schrei das ganze Theater ausfüllt, gefolgt von berstendem Stöhnen und Schreien, zwischen Hingabe und Vergessen. Ganz hat sich ihre Stimme danach aufgelöst und erklingt kein weiteres Mal auf der Bühne. Ein stilles Flüstern kurz vor dem Ende und dann der Vorhang. Sofort springen sie von den Sitzen und feiern Justin. Doch Evelyn geht nach der ersten Verbeugung weinend ab. Rennt in die Garderobe und fällt Louis in die Arme, der Tränen aufgelöst vor der Couch auf dem Boden kauert. "Wofür?", schreit er sie an, als sie in die Garderobe stürzt. Sie fällt auf die Knie und wimmert. "Ich weiß es nicht.", sie löst sich von Louis und kriecht Richtung Toilette, schafft es nicht und auf halber Strecke, mitten in der Garderobe, übergibt sie sich. Erschöpft rollt sie auf die Seite und atmet schwer. Der junge Mann kommt herein und geht sofort ins Bad, holt Eimer, Wasser und Lappen, wischt das Erbrochene Weg und stellt Evelyn ein Glas Wasser zur Seite: "Hier, trink das bitte.", fordert er sie auf und geht dann.
Evelyn trinkt und setzt sich auf.
"Ich bin jetzt eine Hure."
Joschua, der Regisseur hatte den letzten Satz beim Eintreten vernehmen können und nickt bedächtig: "Da magst Du recht haben."
Evelyn nimmt das Wasserglas und wirft es nach ihm. Er kann es mit dem Unterarm vom Gesicht fern halten. Es prallt gegen seine Brust und zerspringt zu Füßen Louis. Der steht auf und stellt sich zwischen Evelyn und ihn. "Danke, aber das ist nicht nötig, wenn ich mich vorstellen darf, Joshua Neuerer, ich bin der Regisseur."
"Sie sind also dafür verantwortlich."
"Ja, aber es ist nicht so gelaufen, wie es sollte.", er schiebt Louis zur Seite und geht zu Evelyn, kniet sich zu ihr herunter und redet leise mit einer bedauernden Mine auf sie ein: "Keiner hat etwas gemacht, wiklich niemand ist aus dem Publikum aufgestanden. Die Vergewaltigung ist dein Karrieresprung, sie haben stehende Ovationen gegeben. Verstehst du, es ist sogar noch schlimmer. Sie lieben dich für dein Opfer, als Opfer. Du bist nicht befleckt, du bist jetzt ganz rein. Alle lieben Dich, alle. Nicht den Protest haben wir bekommen, sondern den Jubel."
Evelyn redet nicht und bewegt sich nicht, atmet schwer und hüllt ihr Gesicht in ihre Hände.
"Ich will..."
"Ja?", will Joshua erleichtert wissen.
"Ich will allein sein."
Prompt steht Louis vom Sofa auf, packt Joshua an der Schulter und drückt ihn bestimmend in den Nackenmuskel. Joshua steht auf. Louis schiebt ihn leise wimmernd vor sich her aus der Garderobe und setzt sich dann neben die Tür. "Einfach nur fern bleiben, okay!", sagt er mit einer leichten Stimme.
"Sie haben sich noch nicht vorgestellt, was glauben sie wer sie sind?"
"Louis, ich bin Louis Tappelle.", und Joshua schaut ihn verduzt an.
"sie sind ... nee, wie kommen sie denn hier her?"
"Eine Bitte.", Louis winkt Joshua mit dem lockendem Zeigefinger heran und flüstert ihm zu: "Können wir in ein zwei Stunden in eine Bar nach kommen? Sie verträgt jetzt gar nichts! Bitte halten sie ihr alles vom Hals. Morgen, aber nicht mehr heute!"
Joshua richtet sich auf und schaut ihn misstrauisch an, linst um die Ecke in die Garderobe, in der sich Evelyn mit kraftlosen und ruckartigen Bewegungen aus dem Kostüm windet. Dann sieht er wieder zu Louis, der ernst zu ihm auf schaut und die Miene nicht verzieht. "Das ist dein voller ernst, verstehe."
"Ich kenne Lionel schon eine Weile."
Joshua schaut ihn verdutzt an, grinst dann verschmitzt und geht. Niemand kommt zu seiner Garderobe, Louis wartet ruhig vor ihrer Tür und grübelt. Sein gestriger Abend steigt in ihm auf. Die zwei Stunden in der Garderobe gaben ihm den Freiraum, seinen Erinnerungen nach zu forschen.
Ein Auftritt in der Galerie |5| ohne Konzept und ohne Erinnerung. Wein bei Jennifer und eine Nacht bei seiner Schwester Regina. Was ist bei dem Auftritt passiert?
"Hast Du Bilder von Deinem Auftritt im Kopf?", ruft er um die Ecke und hört Lionell stöhnen.
"Lass mich damit in Ruhe, ich bin gleich da."
Mühsam versucht er Augenblicke, Blickwinkel oder Situationen, Sätze und Pointen zu erinnern. Die Leere wiegt schwer in seiner Brust, weil es zu oft vorkommt, dass er sich nicht erinnert. Wie lassen sich vergessene Tage merken und ihre Fülle spürbar sein? Nicht erst an seinem aufgedunsenen Gesicht will er die Ausfälle wahrnehmen. Blaue Flecken und Kratzer müssen erklärt werden, der Verlust von Geld und einer Mütze überwunden. Und dieses Drücken neben dem linken Ohr. Ein unangenehmes Krabbeln und Winden unter der Haut und am Schädel. Ruhe ist es, was er braucht, Ruhe.
Lionell kommt in einem adretten Anzug aus der Garederobe und hat die Haare zu einem glatten Zopf zusammen gebunden, mit einem braunen Tuch eingewickelt und zu einem Schalende über seiner rechten Schulter drappiert. Ein weißes Tuch stopft er in die linke Brusttasche und Louis richtet es ihm.
"Wohin geht es?", will Lionell mit forscher Stimme erfahren. Louis spürt die Müdigkeit in seinen Knochen: "Ich glaub, ich kann nicht mehr und muss ins Bett."

Ist es ein Risiko in den Tag hinein zu leben. Ständige Verfügbarkeit für andere.