Kreatives
 

Die dressierte Welt

Aus Wikingerwerkstatt

Die dressierte Welt

von Eve McFar

und POC

Gesprochen

Eine Frau, die mir den Weg versperrte,
ließ meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sie fallen,
denn ihr überdimensionaler Hintern erstreckte sich ballonartig über meine Laufbahn heimwärts.
Ich konnte es kaum glauben,
mit welch würdevoller Kraft sie sich mit geradem Rücken vorbeugte.
Die wirklich sehr beleibte Frau bot die Überraschung von durchgestreckten Beinen,
ihren schweren Leib beugte sie also nur vor.
Das Fett ihres Bauches schien ihre Halt zu geben,
denn sie schaute völlig entspannt auf den After des Collies,
der sich mit den Hinterbeinen zum Scheißen zurückbeugte.

Da erst sah ich die Plastiktüte in den Händen der Frau.

Sie umklammerte mit ihren fetten Fingern den Rand der zu einem Kreis geformten Plastiktüte.
Der Colli versuchte mit rausgestreckter Zunge den Kopf zu seinem Frauchen zu drehen,
um Augenkontakt herzustellen
und immer wenn es Trixi gelang,
nickte die Frau genügsam und sagte

„Brav, Trixi.“ und Trixi schiss.


Die kleine Geschichte spielt so vor knapp fünf Jahren in Neukölln, genauer am Rathaus, oder einige hundert Meter weiter in Neuköllner Richtung. Meine Freundin wohnte um die Ecke. Hier hab ich nach Frankfurt/M. den zweiten echten Schuß aus einer Handfeuerwaffe miterlebt, aber das nur am Rande. Der Mediamarkt war noch da wo er war und von Arkaden, Ring-Centern, die sich heute schräg gegenüber befinden, war da noch nichts zu sehen. Also vor dem vermeintlichen Billu-Markt für technische Geräte, die keiner braucht, standen in großen gemauerten Kübeln kleine Bäume. Der Platz ist gut frequentiert, jede Kleinstadt wäre neidisch. Dort klettert sie also hoch, die ungefähr 50-Jährige Frau und hebt ihre Röcke. Klar, in der Nähe gibts die Methadonstation und die Kneipen haben einfach keinen Bock mehr jeden und alles in ihren Toiletten aufzunehmen - in jedem Fall hockte sie sich hin und kackte in den mit Erde gefüllten Kübel. Vor ihr wuchs der Baum, hinter ihr stand ein türkischer Junge, lachte sich scheckig und feuerte sie an und sie schiss.

Kurz sah ich ihr hinterher. Die Hündin heulte und mir wird warm. Lange hielt ich Trixi im Arm. Sie sabberte und stank aus dem Maul. Ich liebte sie, sofort. Frauchen lag an irgendwas verstorben daneben. Trixi wedelte mit dem Schwanz. Die 50-Jährige zog ihre Röcke hoch, kletterte von dem Rund, besah kurz den Haufen und zog weiter.

ABSCHIED

Voller liebe im hier und jetzt Haben wir uns ganz nah Gehalten nur mit worten.

Während um uns alles in der nacht verblasst Nur der mond uns sein gesicht zeigt Und alle verschwinden.

Zeigst du mir dein herz.

Ganz. Und kurz. Ein augenblick. Eingebrannt. Einfach wichtig.

Als wäre morgen schon vorbei und nichts gesagt. So gehen wir auseinander. Noch nicht mal die üblichen küßchen. Jede berührung wäre alles und nichts. Der mond bringt dich sicher nach hause.

Beim nächsten mal wird alles anders sein.

Trixi knabbert an der leiche, die 50-Jährige blickt auf ihren haufen - ich dreh mich um und verlasse neukölln.