Kreatives
 

Der falsche Schein

Aus Wikingerwerkstatt



Der Falsche Schein


von Eve McFar


Marcel arbeitet als Kommunikator in der Berliner Betriebszentrale der Firma MAN im Bereich Motorentechnik. Ständig bekommt er Anrufe von Mitarbeitern, die Rat von ihm einholen, um Bauteile für den Motor in dessen Zusammenhängen zu verstehen. Die Baupläne sind vor Ort in der Werkstatt, doch wie sie zu lesen sind, kann ihnen letztlich immer Marcel erklären. Verbrennungskraft und Elektrotechnik geraten mancherorts kompliziert zusammen. Geduldig breitet Marcel alle möglichen Antworten aus, die nach seinen Kenntnissen als Ingenieurtechniker in Verbindung mit dem Bauplan und der Frage des Angestellten zu Bedenken sind, das Bauteil einzubauen oder zu ersetzen. Während des Gesprächs ist Marcel immer angehalten, dem Angestellten mit vielen Antworten Wissen zu vermitteln. Er muss die Fragen protokollieren und standardisierte Antworten verfassen und erstellt damit einen automatisierten Antwortkatalog, welcher Marcels Posten irgendwann überflüssig macht.
An diesem Freitag, der Freitag vor einem langen Wochenende, flieht Marcel förmlich von der Arbeit, denn das Gesprächseinerlei hat seine Wirkung in Marcels Gedankengängen gezeitigt, die er nun mit Kopfhörern in den Ohren wegdröhnt. Er drängt die Gedanken aus dem Kopf, hört dafür Musik und fährt mit geschlossenen Augen in der U-Bahn nach Hause. Dort baut er sich einen kleinen Joint, lehnt sich auf dem Balkon zurück, die Beine gegen das Geländer und schaltet ab.
Die strenge Gedankenführung bricht Stück für Stück zusammen, ein erfrischender Wind kommt auf, belebt die Haut und die Durchblutung, gemeinsam mit dem THC gegen das Nikotin. So verschwinden die Fragen des Alltags und es tauchen Sorgen und Ängste auf, die mit dem Marihuana weggeschoben werden und letztlich verschwimmt alles in ein Bedürfnis nach Freunden.
Der Abend bietet ein Fußballspiel im Fernsehen und der Weg zum Stützpunkt ist nicht weit, um sich entsprechend Bier zu besorgen. Dieser Einfall bleibt hängen, bewirkt aber auch Hunger in ihm. Er schaut in den Kühlschrank, der ist gut gefüllt. Plötzlich fällt die Tür ins Schloss und Tina betritt das Parkett im Flur.
„Ich rieche einen Joint Marcel, du bist Zuhause. Hallo? Hast du mir etwas übrig gelassen?“, und Marcel zuckt bei diesen Worten zusammen. Sie platzt in die Küche, stellt ihre Tasche auf dem Stuhl neben der Tür ab und öffnet den Kühlschrank, streichelt Marcel ironisch das Kinn: „Ne, haste nich jemacht, hab ick nich recht.“, Marcel grinst sie mit roten Augen an und schüttelt den Kopf. Ohne lange zu schauen, nimmt sie Butter, Käse und Marmelade aus dem Kühlschrank und fragt Marcel nach seinem Hunger, der verneint erst, doch gibt auf Tinas Drängen nach, zusammen mit ihr noch etwas zu essen. Doch dann müsse er auch los, Bier besorgen für das Wochenende und Freunde und so. Sie nickt einmütig mit dem Kopf, während sie ein Radieschen in den Mund steckt und das lange Ende der Wurzel abbeißt, kurz kaut und mit halbvollem Mund sagt: „Okey.“
Sie holt zwei Teller aus dem Schrank und noch bevor sie die Schublade öffnet, bittet sie Marcel, Tee zu machen, um dann ein Messer und einen Löffel heraus zu holen.
Sie essen zusammen und mit vollen Magen zieht Marcel los, Bier besorgen und mit dem Handy, auf dem Weg zum Stützer, alles mit Enrico und Hans für den Abend aus zu machen.
Tina füllt Marcel vor einem langen Wochenende immer mit Essen ab, um seinen Durst auf Bier zu verringern, damit er vernünftiger Bier kauft, also schlicht und einfach weniger. Aber Marcel ist schlau, er bemerkte es und stellte einst, nach dem zweiten langen Wochenende, klar, dass er es nicht gut findet, wenn sie ihn zu manipulieren versucht, nur um ihn zu erziehen. Dadurch fühlte sich Marcel schlau genug und kaufte immer mehr, als er im Stützer trinken wollte. Tina lässt es trotzdem nicht bleiben, denn ihr ist ein weiterer Grund wichtig: Er soll ein letztes Mal genug und vollwertig gegessen haben, bevor er sich die nächsten zwei Tage um die Ohren schlägt.
Marcel kauft einen Kasten Bier und schleppt ihn zu Hans in die Wohnung hinauf, der zwei Aufgänge neben Yüküc Getränkediscount, wohnt. Hans wohnt im dritten Stock des Vorderhauses der Mommsenstrasse 9. Enrico hatte sich schon eingefunden und beide saßen mit frisch geöffneten Bieren in der Küche am Tisch und wetteten auf die Menge Alkohol, die Marcel mitbringen würde. Der erste Schein trug, denn nach dem Kasten Bier kamen eine Flasche Rum und ein Bourbone aus den beiden Jackentaschen zum Vorschein. Keiner gewann.
Aufgefordert den Duft seiner Biermarke unter derer ihre zu mischen, sprengt er schnell den Kronkorken einer Flasche aus seinem mitgebrachten Kasten Schultheiß und stößt mit ihnen an. Der halbe Kasten hält für das ganze Spiel, mehr wollen sie nicht trinken, damit der Abend ruhig in Gang kommt. Nach Bier und Spiel brechen sie auf, füllen den Bourbone in einen Flachmann und gehen bowlen.
Die Kugeln fliegen nur so über die Bahn. Etwas aus der Übung geraten, kommen sie nur zu vier Spielen, denn dann werden sie einfach zu laut und zu betrunken für den Wirt, der sie bittet zu gehen, woraufhin sie ohne Ärger zu machen den Laden verlassen.
Zwischen Hans Wohnung und der Bowlingbahn erstreckt sich eine Straße mit Bars, die zu erobern ihnen als erstes in den Sinn kommt. Nachdem sie aber jeweils schon nach 7 Minuten alle rausflogen, ließen sie es bleiben darauf zu wetten, wer als erstes von den Dreien Gehen müsste.
Schallend lachend stürzen sie in die Bar Albtraum. Alles darin ist schwarz, bis auf den Filz des Billardtisches, den sie sofort in Beschlag nehmen wollen. Die Spieler dort sehen es aber anders. Enrico setzt sich ohne zu fragen auf den Billardtisch und wirft alle Kugeln in die Seiten- und Ecktaschen, schlingt seine Beine in der Mitte des Tisches in den Schneidersitz und bestimmt, dass dieser Tisch Hoheitsgebiet von Arsch ist. Das Geld, so gibt Enrico mit großmütigen Gesten zu verstehen, sollen sie für dieses Spiel zurückbekommen, aber ihre erlauchte Arschheit habe jetzt Vorrang. Den Anwesenden sind die Argumente, die Enrico vorzubringen meint, egal. Beschwichtigend stimmte Hans ein und gibt vor, keinen Ärger zu wollen und Enricos aggressive Stimmung nicht anzuheizen. Marcel rät ihnen, auf die Frauen Rücksicht zu nehmen, die doch sowas nicht sehen wollen und es doch für alle ohne Probleme zugehen wird.
Dies waren keine Argumente und alsbald surren von den Frauen ein paar Hiebe mit den Queues auf Enricos Kopf nieder, der sich mühsam mit den Armen dagegen wehrt. Marcel und Hans sehen Veranlassung zu zucken und erwecken den Anschein, die Frauen anzugreifen. Damit haben sie eindeutig eine Grenze überschritten. Und ohne noch großen Einfluss darauf nehmen zu können, liegen sie draußen auf der Straße und stöhnen.
Kein Albtraum heute, lieber einfach weitergehen und eine andere Bar finden, eine im Keller, die durch einen langen unterirdischen Gang mit einer Diskothek verbunden ist. Im Vorraum des Kellers gab es einige Sitzgelegenheiten, verschiedenfarbiger Sofas, die ständig von anderem Licht beleuchtet, ihre Farben wechselten. Die Drei gingen weiter, da die Frauen dort alle in festen Händen schienen, und setzten sich an die Bar, um Bier zu bestellen. Ankommen, tanzen!
Der erste Abend endete mit ausgiebigen Bewegungen, Streckungen, Reckungen, Sprünge und Müdigkeit. Tanzen und immer nur tanzen. Die Frauen waren an diesem Abend plötzlich egal. Sie bewegten sich auf der Tanzfläche, schwangen ihre Hüften und Arme, rotierten um die eigenen Achsen, stießen sich von den anderen ab, strauchelten und schwitzten. Schließlich wollten die Drei wieder ihr eigenes Bier trinken und gingen erschöpft zu Hans nach Hause. Dort trank jeder noch zwei Biere. Sie quatschten über den Abend, werteten einige Szenen aus, Fehler und Dummheiten und gegen Vier verzogen sie sich ins Bett oder nach Hause.
Marcel wohnt nur drei Minuten schweren Wankens von Hans Wohnung entfernt, erreicht die eigenen vier Wände und begibt sich vor dem Klo auf die Knie. Der Schwindel beruhigt sich, seine kreisenden Achsen stoppen, das flaue Gefühl im Magen verschwindet und der Brechreiz bleibt aus. Ohne rechtes Bewusstsein krabbelt Marcel zum Schlafzimmer und kommt am Türrahmen auf die Beine. Mühsam und sehr langsam zieht er sich aus, stolpert und landet vor dem Bett plumpsend auf dem Arsch. Ächzend entfernt er die Hose und die Socken. In der Dunkelheit kommt er in die Bankstellung und greift mit einer Hand ins Bett, zerrt seinen müden Leib aufwärts und unter die Bettdecke. Erschöpft am Ziel angelangt, bleibt er in der Unterhose liegen und kann nur noch den Arm zur leeren Bettseite ausstrecken.
Tina fordert Marcel gar nicht auf zu frühstücken und weckt ihn erst zur Mittagszeit, ihm wenigstens einen halben hellen Tag zu schenken. Er weigert sich zwar standhaft, hörte aber letztlich lieber auf sie.
„Wie war es?“, will Tina wissen, aber Marcel nickt nur und schiebt sich schweigend eine Gabel mit Fleisch und Kartoffeln in den Mund.
„Du willst gar nicht wissen, wer mich gestern noch besucht hat.“, provoziert Tina. Marcel nickt nur wieder und steckt die nächste Gabel in den Mund, hört nicht weiter hin, wodurch sie sich aber nicht gehemmt fühlt trotzdem zu erzählen. Ihre Worte verschwinden in den Weiten Marcels Suche nach dem Ende des gestrigen Abends, ob er nicht vielleicht eine Frau angesprochen hat, die ihn interessierte? Aber nein. Vielleicht eine Telefonnummer? Nach dem Essen durchforscht er seine Hosen, leider nicht unbemerkt von Tina, die ihm mit einem sarkastischen Ton zu verstehen gibt, dass es letzten Abend leider keine Erfolge gegeben hat. Marcel grinst: „Naja, ich war eben zu betrunken, da hab ich einfach keinen Zugang mehr zu den Frauen.“
„Na wenn das nicht die ersten Worte sind, mit denen der Herr mich heute beehrt. Wunderbar, da freue ich mich doch, dass Du zu viel Bier getrunken hast. Und? War es denn nicht gut, dass Du das ganze Doppelbett für Dich allein hattest?“
Tina will natürlich nur darauf hinaus, dass er sich für die Räumung des Bettes bei ihr bedanken solle, aber nix da. Dieser ach so altruistische Zug, in ein Bett mit den Maßen 65 x 175 zu ziehen, beruhte doch schlicht und einfach nur darauf, einen ruhigen Schlaf zu haben. Darum kann sie sich ruhig kümmern, aber danken für ihren Gewinn wird Marcel es ihr nicht. Das wäre ihm ja das Schönste gewesen, sie im Bett zu finden und nicht einsam in kalter Bettwäsche den Rausch quälend zu spüren.
Marcel verkriecht sich wieder ins Bett, schließt noch einmal für eine Stunde die Augen und schreckt dann auf, schaut auf die Uhr und findet es eine halbe Stunde vor Bolzplatzfußball.
Damit bricht er auf zu Hans Wohnung. Bei ihm packt er 5 Bier ein und geht mit Hans zu Enrico auf den Sportplatz im Park. Das erste Bier trinken sie vor dem Spiel, dann zwei in der Halbzeitpause, nach 20 Minuten. Was nicht in der zweiten Halbzeit weggenippt wird, saufen sie nach dem Spiel aus. Erheitert und durchgeschwitzt trennen sie sich für die Dusche und machen jeweils die Toilette für den Abend. Knapp eine Stunde später treffen sie bei Hans wieder zusammen. Bier trinken.
Zuerst gehen sie ins Kino. An manchen Wochenenden fängt der eine oder andere dort eine schöne und einsame Frau ab. Es braucht nur einige Komplimente zur Qualität des Films, welcher die Einsame vor ihnen so intensiv gefangen genommen hat und sie hängt an dessen Lippen. Die Cineastin findet sich in ihrem eigenen tiefsten Urteil bestätigt und erliegt einem der Drei. So wie heute, Hans.
Damit waren sie zu zweit. Die beiden trennten sich und versuchten allein ihr Glück.
Marcel landet in der Bar Pipifaxe, mit leiser Diskomusik aus dem Tanzraum und einem langen Tresen. Nachdem er sich zwei Weizen zur Brust genommen hat, setzt er sich mit zwei Kölsch an den Tisch einer Frau, die allein Journal liest.
„Mögen sie?“, worauf die Frau überrascht aufschaut, kurz das Angebot und ihn mustert und dankend annimmt. Sie kippen es und Marcel fragt nach einem weiteren Wunsch ihrerseits, woraufhin sie das Heft in die Hand nimmt und einen Kommentar vorliest: „Männer und Frauen passen nun mal nicht zusammen. Frauen sind den Männern überlegen! Sie denken in gewisser Weise logischer. In einem Gespräch merken Frauen sofort, wohin es führt, und kürzen es einfach ab.“, derweil bringt die Bedienung auf Wink zwei weitere Kölsch.
Marcel lacht und hebt das Glas, prostete ihr zu und trinkt. Das halb geleerte Glas stellt er leise auf den Tisch vor sich und schweigt. Sie sagt eine Zeit lang nichts und liest auch nicht weiter, sie heben beide nicht die Augen und schauen sich nicht um. Marcel fühlt sich ihr unmittelbar verwandt. Der Moment birgt eine Übereinkunft die in dieser Bar in der Luft liegt. Erst langsam fängt Marcel an zu sprechen, flüstert etwas vor sich hin, worauf sie ihm das Ohr zuneigt, nur etwas den Kopf zur Seite dreht und lauscht. Undeutlich dringen Worte zu ihr durch, die von technischen Zusammenhängen referieren, die Bauteile benennen und Zahlen. Sie erschreckt und schaut misstrauisch um sich. Marcel bricht das Theater ab und entschuldigt sich lieber. Dass er in Gedanken sei, seine Arbeit ließe ihn manchmal einfach nicht los. Ganz vorsichtig hebt er das Gespräch über seine Arbeit als Kommunikator an, redet von seiner Qual, mit Dummköpfen zusammen zu arbeiten. Mit entsprechend komischen Posen und Possen über deren Blödheit beschreibt er, wie sie keinen Bauplan lesen können. Sie lacht herzlich und laut.
Gelöst stellt sie sich vor. Sie heißt Rebecca, ist 1,72 Meter groß und hat volles braunes Haar. Ihr ovaler Kopf wird von dünnen blassen Lippen, heller Haut und blauen Augen geschmückt. Ihre leicht gebogene Nase mutet griechisch an, wirkt aber von vorn wie die eines Boxers, etwas breit, wovon aber die breiten Wangenknochen ablenken, welche die Haut der Wangen vertiefen und mit einem spitz zulaufenden Kinn dem ovalen Kopf eine Kegelform verleihen. Sie arbeite als Grundschulpädagogin und Direktorin der Mendelson-Grundschule, lebe seit einem Jahr in Scheidung und habe keine Kinder, fahre einen VW Sharan, der viel zu groß für sie allein sei und habe einen Hund mit dem Namen Bautschi, der ihr aber bis zur Hüfte reicht.
Marcel bestellt den beiden weißen Tequila und Rebecca glaubt die Endrunde eingeläutet, wiegelt ab: „Ich kenn dich noch gar nicht, was willst du denn mit den Tequilas?“, der Alkohol schwang bei dieser Frage deutlich aus ihrer Stimme und sandte eindeutige Signale, die Marcel verstand und aufnahm: „Weißt du, ich mag es, wenn Frauen sagen, was sie wollen, wenn sie nichts hinter dem Berg halten und Nein sagen können.“
„Nun, dann hast du hier ein Nein!“
„Immer ganz langsam, bitte trink mit mir den Tequila, ich will dir erklären, wofür ich ihn dir anbiete.“
“Na zum Trinken, wofür hältst du mich eigentlich, für blöde.“, sie kann sich nicht recht ernst nehmen bei den Worten und kichert, woraufhin Marcel sich mit einer Erzählstimme aufschwingt: „Hör zu Rebecca, ich bin ein anständiger Mann, ich mag zu viel Alkohol getrunken haben, aber ich bin noch bei Verstand. Die Sache ist nämlich die, ich habe eine Freundin, ja, du lachst, ich weiß, was du denkst. Jetzt werde ich so eine Geschichte bringen, wie, dass wir uns gestritten haben und du vielleicht schon mit Beileidsbekundungen davon kommen wirst und dann sehen wir uns nie wieder, aber nein! Ich habe etwas anderes mit dir vor und ich hoffe, ich habe mich mit dieser Vorwegnahme vom ersten Verdacht befreit.“, der Tequila wird auf dem Tisch bereitgestellt. Marcel macht sich fertig, reibt die Hand mit Zitrone ein, streut etwas Salz auf die angefeuchtete Stelle und schaut zu Rebecca, die gerade ihren Tequila nimmt und die andere Hand bereits zum Lecken unter das Kinn führt: „Auf meine Freundin und deinen Exmann, das Arschloch!“, sie nickt und sie trinken zusammen den Kurzen. Unter dem Biss in die Zitronenhälften und dem Brennen im Hals schließen sie fest die Augen, mustern sich gegenseitig kurz unbemerkt und stellen lautstark die Gläser ab.
„Noch einen.“, sofort hebt sie beide Hände, spürt den Tequila nach und mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigt sie auf Marcel: „Halt! Stopp! Erst, was du mir sagen wolltest.“
„Bis der hier ist, habe ich alles erzählt.“
„Na dann fang mal an.“, sie schüttelt sich noch einmal und guckt ihn dann interessiert an.
„Ich bin davon überzeugt, jede Frau und bei dir sehe ich, ist es auch so, kann Nein sagen, so sie es will. Es mag sein, dass ich keine Frau bin, aber verbessere mich, wenn es nicht so ist. Fühl dich ganz ungezwungen.“
Die Tequila werden auf den Tisch gestellt.
„Tja, die Tequila waren zwar schneller als ich, aber Alkohol wird ja bekanntlich nicht schlecht. Ich setze also voraus, du als Frau kannst Nein! sagen und sagst mir, wenn du mir nicht mehr glaubst.“
Marcel hebt zu den Worten den Finger, legt den Kopf zur Seite, dreht ihn etwas von ihr weg und schaut sie mit einem Auge scharf an, runzelt die Stirn und bekommt plötzlich ein irritiert amüsiertes Grinsen. Sie schweigt.
„Na gut, also …“, zögern. Dann platzt es aus ihm heraus: „Ich schlafe gern zusammen mit einer Frau in einem Bett. Du lachst, warte, in einem Bett, unter einer Bettdecke, aber nicht mit ihr, also kein Sex. Weißt du, ich kann mir nicht erklären, welcher Löffel dafür als Vorbild galt, kann ich nicht sagen, aber es war wichtig für diese Stellung einen Namen zu haben, sonst hätten wir vielleicht nie das Vergnügen. Tja, wunderbar und schön warm. Ich hab so gern einen warmen Bauch, aber heute Nacht schläft Tina natürlich woanders, nicht in unserem Bett. Wie findest Du ihren Namen?“
„Gut.“
„Gut. Kurz und bündig, ich erzähl weiter, ich merk schon, jetzt bist du nicht mehr so gesprächig. Diese Stellung bietet eine beruhigende Unschuld, da deine Schenkel geschlossen sind, da hat der liebe Gott mit der Stellung nur eins vor gehabt:“ mit gehobenem Zeigefinger ruft er aus, „Ruhe nach dem Geschlechtsverkehr!“, und steht ein Stück weit auf, setzt sich aber wieder geschwind. Dann beugt er sich vor, um mit gemäßigter Lautstärke fort zu fahren: „Also gut, die Samen des Mannes sollen in der baldigen Mutter bleiben, dafür ist diese Stellung gemacht, für die Fortpflanzung, oder zumindest für eine geruhsame und sichere Stellung der Frau danach.“
Marcel zögert etwas, er überlegt und fährt dann fort: „Da ich dir aber ein ganz anderes Interesse klar machen will, sollte ich nicht lange auf so ´nem verdächtigen Thema herumreiten“, dabei lupfte er die Augenbrauen, „und komme zum Kern meiner Sache. Meine Freundin.“, er grinst, „Du lachst ja schon wieder, kannst du das mal sein lassen, na hörst du wohl auf.“, sie lacht mit jedem Mal mehr, erfreut sich dazu seines Lachens und setzt den zweiten Tequila an.
„Es ist alles eine Frage der Illusion.“, Rebecca prustet lachend und verschüttet den halben Tequila. Irritiert und dennoch amüsiert lehnt Marcel sich zurück und bestellt für sie noch einen, was Rebecca annimmt, da sie sich für diesen Ausfall mit einem Drink entschuldigen will.
„Der geht auf mich.“, weist sie die Kellnerin an.
„Du lachst, ich kann dir versichern, du wirst mir vertrauen.“, sein fester Blick bindet Rebecca.
Der Alkohol löst seinen Schwur ein und der keusche Wille in ihr sinkt. Marcel beugt sich wieder vor zu ihr, verbleibt kurz vor ihren Lippen und atmet sie an, drückt ihr dann auf ihre nicht zurückgezogenen Lippen einen Kuss und erhält ihn zurück. Ihre Zungen haben den Moment nicht länger abwarten können, sie kosen und drücken sich, fühlen des anderen Zähne und die Lippen, um mit der Intensität einem Begehren Platz zu machen, das mit der Hand Marcels an Rebeccas Brust endet. Sie richtet sich einfach auf und schaut weg, streckt den Rücken durch und rückt dabei ihr Oberteil zurecht, das seine Hand in Falten gelegt hat.
„Oha, ich war zu hastig.“
„Oh ja, das war …“, sie fährt sich dabei mit den Fingern über ihre Mundwinkel und schaut weiterhin weg.
„Ich bitte um Entschuldigung, ich … ich …, es ist nämlich so, ich will einfach nur meine Freundin testen.“, er schweigt und schaut auf den Boden, wartet auf die Bewegungen ihrer Beine, erwartet ihre Flucht oder ähnliches, aber Rebecca rührt sich nicht. Sie schaut ihn fragend an: „Du willst deine Freundin testen, aber müsste es nicht anders sein, sie dich oder …. Testen?“, sie schüttelt plötzlich unverständlich den Kopf, verkleinert musternd die Augen und schaut ihn etwas verärgert an.
„Ja! Testen. Ich will mit einer anderen Frau in meinem Bett aufwachen, wissen, dass nichts war und erleben, wie Tina darauf reagiert.“
Rebecca lacht kurz und entsetzt auf, schaut sich um und schürzt wieder ihre Lippen, doch bevor sie noch etwas sagen kann, erklärt sich Marcel: „Es ist so, wir, Tina und ich, haben schon öfter darüber gesprochen, was wir für eine Beziehung haben und um ehrlich zu sein, ich habe immer nur genickt. Sie sprach von einer Freiheit, die wohl nur sie nicht spürt; Grenzen, die ich ihr nicht abverlangen will, sie aber darum winselt; Nähe, die ich ihr nicht geben kann und Verhalten meinerseits, na ja, davon will ich gar nicht erst weiter reden.“ Rebecca glaubt ihm, sie nimmt sich eine Zigarette und raucht, ihm aufmerksam zuhörend.
„Ich kann es nicht erklären, aber sie fordert eine schlichte Art von Beziehung, sie will aus dem Korsett einer spießbürgerlichen Zweisamkeit heraus, so sagt sie es. Ständig fordert Tina von mir Kompetenzen ein, die ich ihr gar nicht bieten will, nach denen ich mich nicht im Geringsten sehne, als wäre ich der Superheld von Mann. Ich muss ihr zuhören und zustimmen, aber sie will dennoch Contra haben, kann es nicht leiden, wenn ich alles eingestehe. Aber es stört mich einfach nicht, das habe ich ihr gesagt, aber sie will es mir nicht glauben.“, in Marcels Stimme schleicht sich ein weinerlicher Ton ein und er nimmt eine wimmernden Körperhaltung an, er hängt regelrecht in seinem Stuhl.
Der Alkohol der letzten beiden Tage hat ihn weich gemacht, er schwächelt und bemitleidet seine Existenz, erklärt sich zum Verlierer und baumelt kraftlos auf seinem Stuhl. Er macht alles andere als einen vitalen oder anziehenden Eindruck. Dennoch sind die Worte nicht daneben gegriffen, er kennt seinen Text, hat ihn sich oft vorgesprochen, um eine Frau rum zu kriegen und nun endlich: eine Frau hört beständig zu.
Rebecca hat offene Ohren, sie erkennt in Marcel einen ganz besonderen Fall von Mann. Ein Typ in den frühen Dreißigern, der sich seiner Rolle im Leben immer noch nicht klar geworden ist, der keine Kinder hat, keine Verantwortung trägt und hofft den einzig richtigen Partner zu finden. Eine Frau wird alle seine Erwartungen übertreffen und seine ganzen Probleme lösen. Die Frau, die er nun testen will, seine Frau seit 15 Jahren, die Frau, von dem jedes zweite seiner Worte handelt und von der er immer in einem bedauernden und ironischen Ton spricht. Er fühlt sich der Frau überlegen und versucht mit dieser Einstellung den Schein zu erwecken, er wolle nur einen Test mit seiner Frau durchführen. - Am meisten interessiert Rebecca die Zusammenstellung der Optionen Nein sagen zu können und mit ihm in einem Bett zu schlafen, ohne Sex zu haben, während die Freundin im Zimmer nebenan liegt. Sie will der Sache zustimmen, lauscht gespannt weiter den Worten, um eine persönliche Studie zu verfolgen.
Diese Gedanken gehen Rebecca nicht ohne Regung im Gesicht und in der Körperhaltung durch den Kopf. Marcel wittert etwas und bricht abrupt seine Ausführungen ab, er war schon beim Frühstück. Stattdessen mustert er sie schweigend, versucht sie zu locken, Unsicherheit zu erregen, aber nichts.
‚So abgebrüht kann sie doch nicht sein.’
Die Stille bringt keine Reaktion hervor, Rebecca schweigt sich aus und zieht genüsslich an ihrer Zigarette.
„Wissen sie, die Dinge sind manchmal so wie sie scheinen, vor allem bei den Männern. Oft würde man nicht glauben, dass sie so banal sind, aber sie sind es. Sie sind ihre Oberfläche und sie schämen sich nicht dafür, da braucht Frau nur die Gesichtszüge zu verfolgen und sie liest in einem offenen Buch. Aber es gibt einen bestimmten Menschenschlag, der ist da viel begabter zu.“
Marcel mustert sie bei diesen Worten scharf, er hegt einen Verdacht und holt aus: „Naja, ich will ihnen eine Geschichte erzählen, es ist nicht richtig eine Geschichte, vielmehr eine Feststellung, die mir vor zwei Tagen in den Sinn kam, als ich einen Hund sah, der vor einem Geschäft angebunden war. Ich wette, sie wollen die Geschichte hören, ich erwarte mir von ihrer Reaktion viel Aufklärung. Sie grinsen, das steht ihnen wirklich gut, und wenn sie lachen bin ich von ihnen hingerissen. Aber so weit so gut. Der Alkohol, meine Dame, der Alkohol vernebelt die Sinne nur denen, die in die falschen Winkel ihres Verstandes schauen. Natürlich ist meine Aussprache nicht mehr so sauber, aber“, er verschluckt sich und hält kurz inne, „… aber ich schweife vom Thema ab. Also, ich gehe den Bürgersteig entlang und da sitzt dieser Hund, ich glaube es war ein Golden … Golden Retriever. Erst hechelte er nur, doch dann fing dieser Hund an zu schnüffeln, er witterte mich, roch mich, ja, roch mich aus, nicht horcht, nein, viel mieser, er benutzte einfach sein Gabe zu Riechen, um Dinge von mir zu erfahren, was ich heute schon gegessen habe, woher ich komme, ob ich geduscht habe oder einen anderen Hund gestreichelt habe, einfach alles und ich, ich stehe nur da, bin der Blöde und kann gerade mal seine Rasse tippen und seine Fellfarbe, toll. Aber genau darin liegt mein Problem, dieses Tier weiß sofort mehr von mir und ich werde niemals in die Lage kommen auch nur annähernd so viel von dem Hund zu wissen.“, mit diesen abschließenden Worten lehnt sich Marcel zurück und schaut Rebecca an, die leicht schmunzelnd den Vergleich versteht und ihm Preis gibt, dass sie Psychologin sei und Männer in mittleren Jahren betreut.
Aber zur Verblüffung von Marcel, kann sie seiner Bloßstellung, die Rebecca in dieser Form überrascht hatte, eine Frage erwidern, die ihn auf sich zurückwirft, ohne weiter ihre Reaktionen beachten zu können: „Interessierte sie der Hund überhaupt oder nur die Dinge, die er von ihnen wusste?“, sie strengt seine narzisstische Ader an und trifft ihn an einem empfindlichen Punkt.
Natürlich bildet er sich etwas auf den Effekt seiner gepflegten Erscheinung ein. Der erste Moment ist ihm so ungemein wichtig, dass er eine Enttarnung nicht dulden kann, ja geradezu verachtet. Aber es steht hier noch etwas Anderes auf dem Spiel: sie ist die einzige Frau in diesem Laden. Die vorgerückte Zeit der Nacht und ein im Fallen befindlicher Alkoholpegel machen ihm zu schaffen und die Situation droht in eine Schmach zu kippen. Er muss die Fassung bewahren.
Ohne Antwort ruft er die Kellnerin und bestellt einen Pernod Apfelsaft und ein Wasser. Ihr bietet er einen Wein an, um das Tempo heraus zu nehmen und sich Kennen zu lernen. Er zieht seine körperlichen Avancen zurück und beginnt unter Einfluss seines Interesses an der Frau, die ihm da gegenüber sitzt, tatsächlich sinnvolles Zeug zu reden. Sie stellen sich vor, sprechen von der Arbeit, lenken schnell davon ab und prosten sich in den Sonntag.
Marcel bestellt fleißig die Getränke, hat sie nicht mehr einladen dürfen und zieht seine Angebote jeweils höflich zurück. Seine Stimmung steigt, denn sie lachen, können von Alltäglichkeiten Abstand gewinnen und ihre Vorlieben ausbreiten.
Sie sitzt gern in Bars und schaute den Männern dabei zu, wie sie buchstäblich im Alkohol ersaufen und sich nicht trauen sie anzusprechen. Er hingegen plaudert von der Freiheit eines Wochenendes mit drei Tagen, dem Verlust dieser Freiheit, wenn diese drei Tage zur Regel würden und die Normalität für seine nach Unregelmäßigkeit lechzende Seele den Tod bedeuten könnte. Einmal aber, einmal müsste er alle paar Monate in Alkohol und Selbstmitleid ertrinken, dann wird der nächste Arbeitstag wieder attraktiv, dann wird das eigene Los erträglich. Der Ausbruch in einer Welt, die doch immer dieselbe bleibt, nur anders aussehen oder schmecken kann, indem man sich etwas antut, sich mit Drogen ihrer alles erfassenden Logik entzieht und seinem eigenen Zufall gehorcht. Frauen nachsteigt oder kennen lernt.
Rebecca fragt nach seiner Frau. Sie wollte erfahren, ob sie echt ist oder nur ein Teil der Taktik. Er wiederholte, dass er sie wirklich testen wolle, da sie immer wieder von einer offenen Beziehung gesprochen hat und ihn damit provoziert habe, sie sich doch nicht recht an ihn binden wolle und er machen könne, was er will. Ihre Vermutung, dass sie beide heute Nacht keinen Sex haben werden, bestätigt er mit Inbrunst und sie glaubt ihm schließlich.
Sie trinken zwei weitere Tequila und lehnen sich erschöpft in ihre Stühle zurück, wobei Marcel vom Gespräch so geschafft ist, dass er kurz darauf die Augen schließt und wegknackte: „Hey, hey.“, sie schlägt ihm auf die Wange und er wacht peinlich berührt auf, knurrt laut und will rumschnauzen, doch dann sieht er sie, orientiert sich, stellt fest, dass er noch in der Bar ist und sich nach einem Bett sehnt: „Ich komme mit, ich würde auch sehr gern sehen, wie deine Frau reagiert!“, sie grinst verwegen.
Rebecca steht auf und reicht ihm die Hand, Marcel erwacht vollends, ist aber immer noch kaputt. Sie bezahlen getrennt, verlassen zusammen die Bar und gehen zu Marcels und Tinas Wohnung. Als sie in der Wohnung sind, ermahnt er sie leise zu sein, Tina nicht zu wecken, obwohl sie einen festen Schlaf hat und sicher mit Ohrenstöpseln schläft, um sein betrunkenes Poltern nicht hören zu müssen. Rebecca gehorcht und folgt ihm ins Schlafzimmer.
„Tina schläft im Wohnzimmer auf der Couch, da schläft sie eh lieber und immer wenn ich nicht ganz ihren Vorstellungen entspreche, zieht sie ins Wohnzimmer um.“ „Finde ich gut. Klingt logisch.“
Marcel runzelt die Stirn: „Scht.“
„Jetzt mach aber mal halblang, du redest doch die ga…“
„Scht. Komm ins Bett, zieh dich aus, Zähne kannst du dir morgen putzen, jetzt wird geschlafen.“
Rebecca entkleidet sich, behält aber ihr Unterhemd, den BH und Slip an: „Was soll das, das muss alles aus, sonst glaubt sie es nicht.“, sie überlegt kurz und stimmt ihm zu, behält aber den Slip an: „Nach dem Sex zieht jede Frau den Slip wieder an.“
Marcel hebt die Bettdecke an, um sie darunter in eine Löffelchenstellung zu betten. Rebecca nimmt seinen Arm, legt ihn auf ihre Brust und beugt den Rücken durch, dass ihre Haut ganz in Kontakt mit seinem Bauch kommt. Sie schlafen ein.
Das kurze Erwachen zu früher Stunde gibt ihm die Schönheit Rebeccas zum Morgengruß. Verwunschen liegt sie da, wie ein kleines Mädchen, welches sich unter der Bettdecke hervorgewühlt hat und nun mit angewinkeltem Arm und offenem Mund schläft; die halb unter der Decke, schräg auf dem Bett, süß sichtbar träumt. Mit Blumen ist sie zu bekränzen. Marcel ist stolz und genießt es, dann entschläft er wieder.