Das tätowierte Jettchen Gebert
Aus Wikingerwerkstatt
Im Zug setzte ich mich in ein Abteil für 6 Passagiere, in dem nur eine Frau saß, die ihre Beine hochgelegt hatte und sich nicht stören ließ ihr Buch zu lesen, als ich mich über ihre Beine hinweg ans Fenster setzte, ein Brot aus meiner Tasche zog und mit Blick aus dem Fenster den Käse der Gegend aß, durch die ich fuhr. Die Zeit verging langsam, ich starrte ins Freie und dachte über nichts nach. Sie hingegen schien sich auf die Dauer köstlich zu amüsieren. Sie las in dem Buch und nickte immer mal wieder dabei ein, schlummerte eine Weile und verlor ihre Haltung. Ganz ohne Spannung war sie süß anzuschauen, ihr Haar fiel ihr ins Gesicht und legte ihren Nacken frei. Es kam eine bläuliche Spitze zum Vorschein, nicht die eines Dessous, sondern die eines Tattoos. Damit war ich gefesselt. Wenn sie jedoch aufwachte, schreckte sie unter dem herab fallenden Buch auf und besann sich lachend. Ich starrte sie dann an und kurz schenkte sie auch mir ein Lächeln. Schüchtern wendete ich mich ab und biss mir beim Anblick der weiten grünen Landschaft vor dem dicht behangenen Wolkenhimmel in schwerem Lilagrau wieder auf die Unterlippe, dass ich nicht zurück gelächelt hatte.
Aber sie wendete sich wieder ihrem Buch zu und las.
Vorsichtig versuchte ich mich zu entspannen, lehnte mich zurück und atmete durch. Ich fand meine Mitte wieder und suchte die Ruhe in den immer wiederkehrenden Farben der passierenden Regenwolken. Dennoch duftete es frisch in dem stickigen Abteil, nach betauten Blüten auf einer Morgenwiese. In mir wogten die Säfte auf und brachen ruckartig an meinen geschlossenen Augenlidern. Ich verkrampfte und ließ mich erblinden.
'Stille, keine Gischt, bloß keine Gischt.'
Langsam zog sich auch diese Anspannung zurück.
So vergingen Stunden, der Zug hielt an, fuhr ab, sie schlief ein, wachte auf und kein Mensch betrat unser Abteil, kaum jemand ging daran vorbei.
Wir waren ganz allein; man konnte Vorhänge vor die Türen ziehen und einen Rollo am Fenster herunter lassen, die Sitzbänke waren völlig flach und wirkten wie Liegen. Ja, das wollte ich, bei ihr liegen, schon jetzt. Wie sie ihre starken Beine über den Gang auf die andere Sitzfläche stützte, sie nutzte die Eigenspannung der Knie, saß nur mit drei Vierteln ihres Hinterns auf der eigenen Sitzfläche und lehnte mit den Schultern an die Sitzlehne. Ihre Hände lagen auf dem Bauch und hielten den Roman von Georg Hermann Jettchen Gebert - warum sie wohl auch aus ihren Schläfchen immer mit einem Lächeln erwachte. Nur zu gut konnte ich sie verstehen, ach wie ich gelacht habe bei der Lektüre.
Ich, als nicht-Berliner kann nur mit Freuden den Klang des Berliner Dialekts sprechen hören und bin immer wieder froh, wenn ich ihn zu hören bekomme: "Bist Du aus Berlin?", fragte ich sie schüchtern.
Für einen Moment noch ruhte sie in sich und sagte blinzelnd: "Warte.", sie las den Satz zu Ende und schaute mit einem kleinen Lächeln auf. "Wie bitte?".
Nein, sie wird nicht die meinige sein, schon so früh bin ich enttäuscht von ihr und gar nicht mehr in der Lage die Frage zu wiederholen. Ich sah weg.
"Haben sie mich nicht etwas gefragt? Ich glaube, sie wollten wissen, ob ich aus Berlin bin." Ruckartig stand ich auf, wollte raus, schaute hektisch um mich und traf dann ihren Blick.
Dieser Moment hatte noch die Kraft mich zu binden, er stoppte meine Verwirrung und Angst. Von ihr kam keine Bewegung, von ihr kam kein Wort, sie sah mich nur fest an und wartete. Keine Irritation, keine Ablehnung, nur Zutrauen. Wovor habe ich nur Angst?
Mein ganzer Körper war erstarrt, nur meine beiden Zeigefinger rieben fest am Daumen auf und ab, ein grässlich kratziger Kropf steckte in meinem Hals und ich schluckte schwer. Ihre Geduld war es, die mir meine Fassung wiedergab und ihre grünen Augen, denn das Grün im Grau ihrer Iris ist durchbrochen von weißen Strahlen, die sich schier hypnotisierend in meine Gedanken gruben. Ihr schmales Gesicht aber konnte die Augen kaum aushalten, so imposant schauten sie über ihre fragile spitze Nase hinaus. Die kleine gedrungene Stirn verschwand zudem unter dem streng geschnittenen Pony und den dünn gezupften Augenbrauen. Ich durfte sie mir ganz genau ansehen und brauchte nichts zu sagen.
Erst jetzt erkannte ich ihre scheußlichen Proportionen. Ich erwachte aus der Anbetung ihres kräftigen Körpers mit seinen geschwungenen Rundungen und einem bläulichen Geheimnis unter der Kleidung und sah sie richtig an, in ein kantiges Gesicht, mit scharfem Kinn und dünnen Lippen. Sie missfiel mir plötzlich. Asche. Weder hatte sie den Berliner Dialekt, noch ähnlich Züge mit Jettchen Gebert. Welch einen Trost würde ein Wortwechsel erwarten lassen, eben nur einen Trost und ich machte mich aus dem Staub.
