Das Wiki und die Literatur
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[Bearbeiten] Das Wiki und die Literatur
"Die Sprache ist nicht der Ort eines sozialen Engagments, sondern nur Reflex ohne
Wahl, das ungeteilte Eigentum aller Menschen, nicht das der Schriftsteller; sie
bleibt außerhalb des Rituals der Literatur; sie ist nicht durch Wahl, sondern
ihrer Definition nach ein soziales Objekt."
Roland Barthes. Am Nullpunkt der Literatur
[Bearbeiten] Die Identität des Künstlers und ihr Ausdruck im Kunstwerk
Wir stellen Kunstwerke her, schreiben sie, malen, filmen oder nehmen Geräusche auf. Unsere Ideen und die Durchführung der Erschaffung des Werks bringen uns, die Künstler, durch unsere Art und Weise der Verarbeitung der Materialien zum Ausdruck. Wir identifizieren uns mit dem Werk über die Idee oder das Thema und über dessen Form und Stil. Mit diesen beiden Begriffen können auch die Rezipienten das Kunstwerk fassen und auf den Künstler zurück projizieren. Diese Begriffe machen das Kunstwerk im Sinne der Künstler lesbar. Man findet uns im Kunstwerk wieder.
Jeder Anspruch der Künstler, sei es auch der, nichts mit dem Kunstwerk zu tun zu haben, nicht an dessen Entstehung teil genommen zu haben oder alles mit den Zähnen gemacht, alles erstunken und erlogen oder erlebt und bei eigenem Leib erfahren zu haben, macht das Kunstwerk erst zu diesem. Es entsteht mit dem Akt der Identifikation des Materials als Kunst durch den Künstler, der so seine Idee zum Ausdruck zu bringen sucht.
Bei der Erschaffung des Kunstwerks können die Künstler zumeist nur auf Materialien zugreifen, die ihnen zugänglich und bekannt sind. Die Dadaisten und Surrealisten erhoben Dinge zu Kunst, die nicht ins Museum gehörten, jedoch durch den Akt der Identifikation machten sie die Materialien zu Kunst. Denn die Künstler fanden sich darin wieder bzw. eine Idee, ihre Idee und später vollzogen wir es ihnen umgekehrt nach. Wir machten es zu Kunst, weil dieser eine Künstler es zu Kunst gemacht hatte.
Die Kunstwerke der Künstler wurden erst viel wert, als in ihnen die Individualität dieses einen Künstlers ihren Ausdruck fand. Der Personenkult bemüht dabei die Formel für den werdenden Künstler: Finde einen Stil und wenn er funktioniert wiederhole ihn.
Handwerk!
Wiederholungen sind nur durch Training möglich, Fehler machen und aus ihnen lernen. Wie Fehler behoben werden, wie sie genutzt oder kaschiert werden, machen das Handwerk der allein arbeitenden Künstler aus, es ist ihre Arbeitsweise.
Wenn ich nun diesen Gedanken zu Ende bringen darf, sehe ich darin einen Hang zum Egoismus. Die Idee des Kunstwerkes zu kennen, sie wieder zu erkennen, sie begründen zu können usw. rühren für mich aus einem Verständnis von Wissen und Kunst, welches ein Gefälle herstellt und strikt trennt: Autor und Leser.
Alle Missverständnisse und alle Irrtümer, Übertreibungen, Objektivierungen, sind einzig und allein im Horizont des Künstlers gespannt und nun der Interpretation preisgegeben. Die Leser erkennen die Identität des Künstlers im Kunstwerk an der Art und Weise seine Idee umgesetzt zu haben. Dabei nehmen sie an einem Prozess teil, auf den der Künstler keinen Einfluss mehr hat, den er nur zuvor planen oder kalkulieren konnte. Millionen von Leser stehen dem Kunstwerk gegenüber, eine Übermacht von Intellektuellen, von Schicksalen und Erfahrungen, Lesarten und Verleumdungen. Sie alle generieren seine Ideen aus dessen zusammengestelltem Material.
Ich spreche hier so deutlich von Material, da dieser Begriff mehr einlädt es zu gebrauchen. Das geschriebene Wort ist nicht Objekt im Wiki, es ist endlich Material, denn es ist der Bearbeitung unterworfen. Jedoch nicht wie bisher, auf dem lokal gebundenen Blatt Papier, sondern immer schon digital und jederzeit reproduzierbar, ohne Zustimmung eines Autors. Damit verwirrt sich jedes Urheberrecht im bestehenden Verständnis, denn es sind derer viele, deren Anteilnahme zwar genau dokumentiert ist, aber dessen Wert für das Kunstwerk unermesslich bleibt. Es gibt solange keine Version des Textes, solange er nicht auf Papier gebannt wird und damit nicht mehr aktuell ist, aber einen Herausgeber vorweisen kann.
[Bearbeiten] Der Autor und sein Studierzimmer
Abgeschieden und allein sitzen sie an ihren Rechnern, Recherchen, und Geschichten, vor weißen Blättern oder zu korrigierenden Texten. An einem Tag sind sie dem Text gnädig gestimmt, den anderen sind sie verzweifelt oder finden alles innovativ. Die Launen und die Kraft, die die Autoren aufbringen, sind gebunden an ihre Person, an ihre Geschichte und an ihren Willen zu schreiben.
Bilder, Vortragsweise, Wortschatz werden aus der Konstitution und der Vergangenheit
des Schriftstellers geboren und werden allmählich zu den Automatismen seiner
Kunst. Unter dem Namen Stil formt sich auf diese Weise eine autarke sprachliche
Ausdrucksweise, die in die eigene, geheime Mythologie des Autors hinabreicht, in
jene Hypophysis der Rede, wo sich das erste Wort- und Dinpaar bildet, wo sich ein
für allemal die großen Wortthemen seiner Existenz niederlassen. Mag ein Stil noch
so raffiniert sein, es haftet ihm doch immer etwas Elementares an. Er ist eine
Form ohne Bestimmung, er ist das Ergebnis eines Wachstumsstoßes, nicht das eines
Wollens, er ist wie eine vertikale, einsame Dimension des Denkens.
Roland Barthes. Am Nullpunkt der Literatur
Diese Konstruktion von Schriftstellerei zeigt nur Eines sehr deutlich auf: der Prozess des Schreibens zeitigt sich in uns Schriftstellern und macht uns zu Sklaven von "Wortthemen", die zu kontrollieren nun außer Frage stehen. Aber es zeigt vor allem noch etwas, dass der Prozess einen Wandel bedeutet. Mag der Wille für Roland Barthes aussen vor sein, so ist er doch bei der Beschäftigung mit dem Text eines Anderen ein Maß der Höflichkeit. Der Wille den Text im Sinne des Autors zu lesen und zu verstehen.
Diese Intentionssuche macht die Arbeit innerhalb eines Wikis aus!
[Bearbeiten] Zwischen Können und Wollen
Die Texte des Wikis stehen der freien Bearbeitung zur Verfügung und es ist für jeden CoAutor eine Herausforderung mit den Änderungen dem Text und der Intention des Textes zu entsprechen.
Die Möglichkeit, die mit der Verbindung Literatur und Wiki einhergeht, muss mit dem Aspekt verdeutlicht werden: Literatur als Handwerk zu verstehen.
Denn, ist Literatur ein Handwerk, so wird die Imitation eines Stiles die wichtigste Übung zur Bereicherung der eigenen Fähigkeiten sein.
Die Sprache des Schriftstellers, zwischen zerstörten und noch unbekannten Formen
schwebend, ist der geometrische Ort für alles, was er nicht sagen könnte, ohne
- wie der sich wendende Orpheus - die feste Bedeutung seines besonderen Ganges
und den wesentlichen Gestus seiner Soziabilität zu verlieren.
Roland Barthes. Am Nullpunkt der Literatur
[Bearbeiten] Die Freiheit des Schriftstellers
Nichts zeichnet die Kunst mehr aus, als der Wille der Künstler ihre Idee umzusetzen. Das Kunstwerk ist schließlich kein Produkt in ihren Augen, sondern ihr eigenstes Werk. Es entstand aus ihrem Geiste und ward zu dem, was nun aller Welt sichtbar ist. Oder um es anders auszudrücken, sie sind die Urheber einer Idee, dessen Umsetzung nur stattgefunden hat, weil sie es machen wollten.
So sehen wir hier die Kunst und die Literatur im speziellen. Wir wollen sie machen, wir sind hier um zu schreiben. Wir suchen und stellen Material, wir bieten Ideen und fordern sie ein, wir verlangen jedoch das Interesse am Thema, wir verlangen Konsistenz!
Wir wollen Literatur schaffen, die nichts mehr mit der herkömmlichen Entstehweise zu tun hat, wir wollen den Kopf öffnen, den Autoren über die Schulter schauen und mit ihnen schreiben.
Der Horizont der Sprache und die Vertikalität des Stils bezeichnen für den
Schriftsteller etwas Gegebenes, denn er wählt weder das eine noch das andere.
Die Sprache wirkt daher als Negativität, als die erste Grenze des Möglichen; der
Stil ist ein Erfordernis, das die sprachliche Ausdrucksweise an das Lebensgefühl
des Autors bindet. In jener findet er die Vertrautheit der Geschichte, in dieser
die seiner eigenen Vergangenheit. In beiden Fällen handelt es sich um
Gegebenheiten, um ein vertrautes gestarium, ein Reservoir an Gesten und
Gewohnheiten, in dem die Energie lediglich operativer Natur ist und einmal zur
Aufzählung, ein andermal zur Umwandlung verwendet wird, niemals aber, um zu
urteilen oder um eine Wahl zu bedeuten.
Roland Barthes. Am Nullpunkt der Literatur
[Bearbeiten] Links
Die Digitalisierung des Schreibprozesses
