Das Morgengrau des 135ten Tages
Aus Wikingerwerkstatt
Ohne je wieder Schlafen zu wollen, verliert sich die Sehnsucht nach dem Tod, denn sie werden identisch. Ich trete die Illusion mit Füßen, zu träumen oder zu erwachen, sollte ich je wieder einschlafen. Meine Worte strecken mir den Rücken durch und ich sitze wieder gerade. Bis hier hin und nicht weiter.
Als Verlierer durch die Welt gehen schmerzt. Es gibt für jene nur die gute Hoffnung, von der sie annehmen, sie entspreche der Zukunft. Besser wissen, können sie es nicht, ich schon. Was also reizt die Leserschaft an einem Verlierer? Nun, sie werden nicht mehr fallen, diese Verlierer, sondern mindestens aufstehen und streben. Aus einem tiefen Loch heraus drängen sie den Motten gleich gen Licht. Diese ehrenvolle Laufbahn erhofft ihr Leser für sie mit. Ihre Enttäuschung provoziert ihr. Vielleicht wünscht ihr es ihnen sogar, um besser unterhalten zu werden.
Ich bin mit Abstand der letzte, irgendwelchen anderen Wünschen zu entsprechen, denn den meinen. Es gibt für mich immer nur die Erfüllung all meiner Träume und ich bin dabei der eifrige und kenntnisreiche Schmied dessen, was ich erwarte und erhalte. Natürlich benötige ich dabei meine volle Konzentration. Dieser ermangeln die meisten Menschen, wenn sie planen oder ausführen und dann leiden sie unter ihren Ungenauigkeiten oder ihrem Versagen. Niemals aber darf ich zu wenig Zucker oder Koffein zu mir nehmen, am liebsten habe ich einen schwarzen Tee mit viel Zucker und Zitrone.
Die Manipulation meines Bewusstseins bekommt höchste Priorität in meiner zeitlichen Planung und seid ich Kinski sterben gehört habe, tritt in jede Phase von Konzentrationsschwäche und Wirkungsminderung der Drogen das Ticken des Sekundenzeigers wie ein Metronom in meinem Schädel und hämmert mit schmiedeeisernen Hämmern auf stumpfe Ambosse und sie treffen nichts, keinen Ton, kein Werkstück, sie verhallen brüllend als sinnlose Vibrationen an meinem Schädel. Dieser Sinnlosigkeit kann ich Herr werden. Kurz davor das Bewusstsein zu verlieren, aber ich verliere nicht, ich bin ein Gewinner, ich lebe, ich bin wach.
Mein Vorbild hat viele Namen bekommen, doch ich weiß nur noch, was er getan haben soll. Er setzte sich mit einem Buch hin, wenn er müde wurde und las, bis er entschlief und vom herabstürzenden Buch geweckt wurde, um quicklebendig weitere drei Stunden arbeiten zu können.
Wundersam doch …
Nichts da, diese Unterbrechungen des Bewusstseins zerreißen immer wieder den Faden der Identität von dem, was seit dem letzten Erwachen in mir gereift ist, von mir erreicht wurde, was ich bin. Ich glaube, nur innerhalb eines solchen einheitlichen Bewusstseins Schaffen zu können.
Ich nehme Drogen, um mich wach zu halten, doch man sollte nicht Schlechtes von mir denken. Es sind keine pharmazeutischen Produkte, ich begnüge mich mit Alkohol, THC und Koffein. All das reizt mein Bewusstsein und vor allem meinen Körper. Aber die Veränderungen durch die Drogen finden jetzt innerhalb meines Wachseins statt und so kann ich sie überschauen, die Veränderungen, von Anfang bis Ende.
Der Alkohol birgt erfahrungsgemäß die größten Gefahren und die verlorene Kontrolle könnte für mich tödlich sein, also bin ich mit ihm vorsichtig. Die Trägheit, die durch Cannabis entsteht, brauche ich nur mit einem Schwung, etwas anzupacken, überwinden, denn ich stehe auf und die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Anfangs bleibt eine gewisse Schwäche in den Gliedern, aber auch das geht weg. Flacht jedoch die Wirkung der Drogen irgendwann einfach ab, brauche ich Schwarztee mit Zucker und Zitrone.
Es soll Menschen geben, die einem krankhaften Genuss von Drogen verfallen.
Junkies. Junkies.
Diese Mittel, mein Bewusstsein zu beeinflussen, stellen sich mir aus innerem Antrieb. ICH möchte mich so verändern. Zum Beispiel wieder wach werden, denkerlich, hibbelig oder galant. Aufmerksam und konzentriert bin ich dabei immer, ich will ja die Veränderungen meines Bewusstseins verstehen und kontrollieren, derer ich mich unterziehe.
Hin und wieder fange ich plötzlich an kräftig zu essen. Manchmal nachdem ich viel getrunken habe, oder ich bekomme nach einer Mahlzeit Durst auf Wein, vielleicht auch auf Anisschnaps. Dem Appetit zu gehorchen ist sehr wichtig bei mir, ich musste es erst langsam lernen. Der Appetit zeigte mir zum Beispiel in Verbindung mit Alkohol immer die Richtung, wach zu bleiben. Ein schwerer Magen löst sich durch Alkohol oder wenn ich zu viel Alkohol im Blut hatte, bekam ich Hunger. Ich experimentierte am frühen Morgen und am Abend, was mich weckte oder einschläferte, Wein lieber rot oder weiß, schwer oder fruchtig, alles zu beachten, beim Essen oder davor, zwischendurch…
Ebenso probierte ich es mit literweise Schwarztee und Grünem Tee, soff mich in den Schlaf und erwachte an der vollen Blase oder an Kopfschmerzen. Manchmal schrie ich im Kater. Wach werden ist kein schönes Ding. Aus diesem Problem ersann ich mir die Befreiung nicht wieder zu schlafen. Zuerst war die Wahl meinem Leib sehr schwierig und er ermüdete schnell wieder, ich schlief spontan ein. Doch dann tat ich das, was ich schon gesagt habe. Alkohol und Cannabis und Tee. Das Essen ist zwar auch wichtig, ist nur nicht wirklich eine Droge. Vielfältig sind die Kommentare, die mir da einfielen. Kaum auszumalen welcher Esel mich reitet. Hin und weg, etwas zu essen oder, nein, ich denke es ist das Beste sich zu konzentrieren und den Gedanken auf Papier zu bringen, zu schreiben.
Wieso gibt es denn den Leser? Hmm, der ist nur, ... ist nur solange ich bin. Verflucht sei er. Seine Entscheidung zu lesen war nicht meine … Verflucht sei auch die Kommunikation, die Liebe und der Hass. Blind will ich sein, nicht schreiben wollen, taub sein, um mich nicht sprechen zu hören und zuletzt tot, dass ich nicht mehr diesen Körper habe, der mein Denken so rigide beeinflusst. Seine Schwächen sind meine Probleme. Ich muss essen, muss austreten, soll mich fortpflanzen und wachsen, darf mich bewegen und mich versorgen, den Leib, den trägen Leib. Woran leide ich nur?
Am schlimmsten sind die hellichten Tage. Laute hektische Geräusche schallen in meinem Kopf, prallen gegen meinen Schädel und verstärken und wiederholen sich, zerfetzen und vibrieren in mir. Ich hasse den Tag. Draußen das Kindergeschrei und die mahnenden Stimmen überforderter Mütter oder Hundebesitzer. Die Müllabfuhr, Autohupen und Sirenen. Hektik. Das Licht schießt mir wie Pfeile in die Augen. Manchmal habe ich das Gefühl ich blute. Doch es sind nur Tränen, salzig und farblos. Ich stopfe mir Watte in die Ohren, Klopapier, Pappe, egal.
Ich muss denken. Ich will schreiben. Woran leide ich nur?
An geistiger Verwirrung würde ich sagen. Nach 134 Tagen ohne Schlaf grenzt es an ein Wunder, dass ich noch so klar denken kann und dazu auch schreiben. Alles was ich will habe ich erreicht, ich bin mir darüber im Klaren, was die Stunden mir gebracht haben. Das Herumliegen und die Langeweile waren für mich das Beste. Andere Tätigkeiten, an die ich mich entsinne und mich freuen, sind das Schreiben und Malen, die gehörte Musik und die Onanie. Doch die Zeit dazwischen bedurfte solch unwürdiger Anstrengungen, dass ich mir einen Bediensteten gewünscht habe. So elendig viel Zeit habe ich dafür verwendet, das Essen selber zu machen und das Trinken von Alkohol konnte ich nur unter anstrengender innerer Kontrolle geschehen lassen, die Farben musste ich mischen und die Leinwand spannen, Musik aussuchen, abwaschen, ich hasse es. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.
Für einen Augenblick sollte ich inne halten und nachdenken. Für jeden Sekundenschlag, den ich verhindere, den ich nicht hören muss, sollte ich dankbar sein, immerzu immerzu noch ein Wort und immer nur im Takt des stummen Hammers, der klingen würde. In der leidigen Hoffnung, das jedes Wort meiner Idee zuträglich sei. Nie wieder erwachen, nie wieder.
Denn nun bin ich bestimmt schon zu lang wach gewesen, um je wieder ausgeschlafen zu haben. Wie soll das überhaupt gehen? Holte ich dann etwa Schlaf auf? Würde ich ins Bett machen, würde ich etwa verhungern, oder ich schliefe immer wieder ein?
134 Tage, das sind 3216 Stunden. Das sind 201 16Stunden-Tage. Wer schläft schon mehr als acht Stunden? Ich jedenfalls nicht.
Worum geht es eigentlich? Um mich. Um meine Einbildung nie wieder schlafen zu müssen. Wenn ich wach bleibe, kann ich ständig fortführen, was seit meinem Erwachen gereift ist, ja genau, gereift ist, das ist ein gutes Wort. Ich muss mich anstrengen ordentlich zu schreiben. Für einen Augenblick schien alles Schwarz gewesen zu sein. Tee, ja eine Kanne Schwarztee. Schwarztee.
Der Schlaf bricht nämlich alles entzwei, die Gedanken brechen ab. Es mag sein, dass im Schlaf etwas passiert, doch für mich völlig unklar. Ich empfinde es immer als Bruch und willkürliches Fortsetzen von Ideen und Gedanken, ohne mein Zutun, unfrei im Willen und im Wollen. Abends eine Idee gehabt und mit dem nächsten Tag nicht angegangen. Später bin ich es doch angegangen, nur in ganz anderer Form, als es der ersten Idee entsprach, die ich nur schwach erinnerte. Etwas hatte sich dann verändert und entzog sich meiner Kontrolle. Unmöglich dem anders Herr zu werden, als diese Unterbrechungen zu vermeiden. Nicht schlafen! Immer weiter.
Es ist unmöglich einen Reiz ständig zu beanspruchen, ich übte mich in blinden Bewegungen, ließ die Augen ruhen, aß eine Zeit lang nicht oder ich konnte keine Musik hören und trieb Sport. Anderer Zeit ruhte ich mich aus in entspanntem Sitzen oder Liegen, sah mir beim Essen einen Schimanski an, trieb Sport und hörte dabei Musik von Aretha Franklin oder schrieb mit einem Sprachprogramm am Computer sprechend oder wie jetzt mit der Hand in einer Bar. Jedoch gelangweilt habe ich mich in der letzten Zeit nie.
Ich kann nur leider mit Fug und Recht behaupten, dass meine Sehkraft stark gelitten hat. Zur Zeit bin ich hyperakusisch, jedes unerwartete Geräusch stört mich. Berührungen tun weh und meine Zähne schmerzen. Ich habe schon das Gefühl, das es zu Ende geht. Der werte Leser mag sich jetzt denken, ich solle doch schlafen gehen. Zu müde, um einzuschlafen…
201 Tage mit 16 Stunden, das ist wenig und ich bin mir sicher, in der Zeit geht es dem Schlafenden besser, als mir. Ich bereue dieses Experiment seit der 1000sten Stunde, denn da spürte ich, dass es keinen Rhythmus mehr gibt, dass tatsächlich alles fortgeführt wird, dass ich die Gedanken parat habe und weiter spinne, doch mit so wenig Kraft, mit so viel Anstrengung und darum will ich hier allen davon abraten das Schlafen zu unterlassen, denn es ist der Tod.
Ich werde den Text heute Nacht beenden und nicht mehr darüber nachdenken, was mich erwartet und nun statt vom Tod besucht zu werden, ins Rosa des Morgens springen und noch einmal erregt sein. Mit aller letzter Kraft, einen inbrünstigen Schrei ausbrechen lassen und keine Müdigkeit spüren, die mich schon so lange lästig umfängt.
Ich muss sterben, denn mich erwartet Höheres als leiden an diesem Körper, denn ich bereue keine meiner Taten.
Ich bereue nichts - warum auch. Was so groß scheint ist eins mit: Ich bereue alles - in der Problematik der Demokratie liegt es derzeit, dass die Reflektion letztendlich mit der Erfahrung oder auch der übersetzten Beschreibung eins ist, das heisst: null und nichtig oder anders gesagt: über dpa wird schon der "richtige" Eindruck vermittelt. Also grauts mir immer und immer noch mehr und ich betete, so ich das könnte, um einen Aufschub - armselig, wie ich bin oder zu sein scheine, allein getrieben durch die immer wiederkehrende Prozedur des morgendlichen Übergebens - oder Kotzens. Und da es diese Erlösung nicht gibt und weder ihr, noch ich daran glauben - ficken wir unsere Mütter oder wen auch immer virtuell, ohne zu wissen, was wir eigentlich damit anrichten. Es ist angerichtet und ich bereue nichts.
